So sexy wie kein anderes Volk in Europa seien die Esten, finden die estnischen Verfasser einer Petition, die derzeit im World Wide Web kursiert (www.petitiononline.com) – und fordern dafür offizielle Anerkennung. Vereinte Nationen und Europäische Union sollten die Bevölkerung Estlands zu den sexiest people in Europe küren, heißt es in dem Aufruf. 241 Europäer, immerhin, haben die Internet-Petition bislang unterschrieben. CARMEN KASS war früher Model, heute ist sie eine von sechs estnischen EU-Parlementariern

Schon möglich, dass die Esten Recht haben mit ihrer Ansicht, sie hätten besonders viel Sex-Appeal. Wahrscheinlich auch, dass Sex im estnischen Alltag eine wichtige Rolle spielt. Nur – all das nützt dem kleinen Land im äußersten Nordosten Europas nicht viel, eines seiner wichtigsten Probleme zu lösen.

Trotz all des Geredes über Sex bekommen die Esten zu wenige Kinder.

"Wir sterben aus." Ganz ernst meint Sulev Mäeltsemees diese Aussage nicht. Aber ein Reflex auf bedrückende Zahlen und wachsende Ängste seiner Landsleute ist der im Gespräch zwei-, dreimal hingeworfene Satz des Ökonomen und Dekans an der Technischen Universität in Estlands Kapitale Tallinn schon. Neben Lettland verzeichnete kein anderer Staat Europas in den neunziger Jahren eine geringere Geburtenrate. Nirgendwo sonst ging die Zahl der Neugeborenen derart rasant zurück. Und in kaum einer anderen Nation der Welt sind die Prognosen ähnlich düster: Bis zur Mitte des Jahrhunderts, sagen Wissenschaftler voraus, wird es ein Drittel weniger Esten geben als heute. Mindestens.

Dabei hat Estland schon jetzt gerade mal 1,36 Millionen Einwohner.

Das Land ist leer. Kurz hinter Tallinns Stadtgrenze beginnen die Wälder und Moore; Bauernhöfe stehen vereinzelt, Dörfer gibt es kaum, zwischen den Kleinstädten fährt man ein, zwei Stunden. 32 Menschen pro Quadratkilometer zählt Estland – in Deutschland sind es siebenmal so viel. Und jetzt sollen es noch weniger werden?

Die Regierung hat reagiert. Hat einige der streng marktliberalen Prinzipien, die Estlands Politik in den Neunzigern in allen Winkeln Europas bekannt machten, ein wenig aufgelockert und Solidarität und Sozialpolitik neu entdeckt. Eltern zahlt sie neuerdings Geld, viel Geld. Und hofft damit auf einen anhaltenden, veritablen Babyboom. "Wenn wir zu wenige werden, dann bricht unser System zusammen, und konkurrenzfähig sind wir dann auch nicht mehr", sagt der einflussreiche estnische Bevölkerungsminister Paul Eerik Rummo.

Dass Estlands junge Menschen im vergangenen Jahrzehnt an Nachwuchs zuletzt dachten, hat gute Gründe. Wie alle Staaten Osteuropas machte auch ihre Nation einen brutalen Wandel durch; die fast vollständige Abnabelung der ehemals sowjetischen Provinz von Russland und eine von wechselnden Regierungen verordnete ökonomische Schocktherapie führten in eine kurze, aber heftige Krise. Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst regierten, die Einkommen gingen zurück.