Lieber Leser, Sie freuen sich auf Weihnachten? Wir hatten es nicht anders erwartet. Doch haben Sie sich einmal gefragt, ob Sie dieses schöne Fest auch verdienen? Wann waren Sie an Weihnachten zuletzt in der Kirche? Wann haben Sie dortselbst gebetet? Warum spielen Sie Heiligabend leidenschaftlich mit der Modellbau-Dorfkirche "Oberwinter", während Sie die Christmette zuverlässig versäumen? Wie oft ist Ihnen am zweiten Weihnachtstag die Hand ausgerutscht, weil ihr Sohn mit der Spitfire von Revell den Kronleuchter abgeschossen hat? Warum wollen Sie das Osterfest feiern, obwohl ihnen die Beweislage, das leere Grab, bislang zu dürftig war? Warum benötigen Sie zwei Feiertage für ein Fest, obwohl Sie schon am ersten den Glauben verlieren? Wie oft haben Sie Allerheiligen selig verschlafen? Was ist für Sie das Nationale am Nationalfeiertag? Dass Sie dann ungestört ihre türkische Putzfrau zu Reinigungstätigkeiten am Schwimmbecken heranziehen können, das polnische Schwarzarbeiter ausgehoben haben, während thailändische Haushaltshilfen Ihnen die Kinder vom Hals halten? Ist Ihnen bewusst, dass Sie an Feiertagen der Gemeinschaft durch Konsumverzicht Schaden zufügen? Warum weigern Sie sich, Pfingsten in einem Kaufhaus zu feiern, um dort die Liturgie des Konsums zu genießen? Wissen Sie, dass Ihr Verhalten den Staat zu Gegenmaßnahmen zwingt? Künftig fällt Neujahr immer auf den ersten Sonntag im Monat, während sich das alte Jahr um denselben Zeitraum verlängert. Auch der Urlaub beginnt und endet stets an einem Sonntag. Im Gegenzug kann ein Sonntag zu einem Samstag erklärt werden, sofern die Konjunktur dies erforderlich macht. Generell ist der Samstag Arbeitstag, was die Vorfreude auf den verkaufsoffenen Sonntag, der auch ein Samstag sein kann, steigert. Feiertage können dagegen nur paarweise abgeschafft werden, wobei als Faustregel gilt: einer für die Produktion, einer für den Konsum. Um Kaufkraftverluste zu vermeiden, wird das dreizehnte Monatsgehalt beibehalten, muss aber durch Verlängerung des Dienstjahres abgearbeitet werden. Stabile Löhne erfordern eine Mindestkonsumpflicht. Statt fester Rente gilt künftig das Fit-Aktiv-Prinzip. Wer konsumiert, soll auch arbeiten. Im Fall einer altersbedingten Selbsternährungsstörung wenden Sie sich bitte an Ihre örtliche Kirchengemeinde. Zwischendurch denken Sie bitte an Goethe: "Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von schönen Tagen!" Und nun: Frohes Schaffen! Finis