Warum hassen sie uns?, fragt das Internet-Magazin Slate am Morgen nach der Wahl. Gemeint sind diesmal nicht - wie vor drei Jahren - die Terroristen, die Amerika mit Flugzeugen angegriffen haben. Die linksliberale Intelligenz fragt sich heute vielmehr, warum die Amerikaner die Demokraten hassen.

Dass diese Fragestellung von den beteiligten Autoren umstandslos akzeptiert wird, lässt ermessen, wie tief die Kränkung der Niederlage sitzt. Sie schlägt bei manchem sogar um in Gegenhass. Die Linken in Amerika, schreibt etwa die Pulitzer-Preis-Gewinnerin Jane Smiley, haben jahrelang die Vitalität der Ignoranz in Amerika unterschätzt. Dummheit und Blutgier haben eine lange Tradition in Amerika, besonders in den >roten Staaten< - in denen die Republikaner obsiegten.

Jane Smileys schrille Verachtung für das andere, fremd gewordene Amerika ist zwar nicht repräsentativ für das Verliererlager. Aber dem Ohnmachtsgefühl, von dem ihre Philippika zeugt, kann sich kaum ein bekennender liberal entziehen. So erteilt etwa Katha Pollitt, die Starkolumnistin der Nation, allen tröstenden Erklärungen eine Absage, die mit der altlinken Denkfigur des falschen Bewusstseins operieren: Vielleicht haben die Wähler dieses Mal gewählt, was sie wirklich wollten: Nationalismus, Krieg, Schwulen- und Frauenfeindlichkeit, eine Kluft zwischen Arm und Reich.

Die Versuchung, die Bitternis der Niederlage bis zur Neige narzisstisch auszukosten, ist groß. Darum hat die den Demokraten nahe stehende Zeitschrift New Republic guten Grund, das eigene Lager vor einem Rückzug in glamourösen Pessimismus zu warnen. Sie fällt diesem Syndrom allerdings selbst in derselben Ausgabe anheim. Der Chefredakteur Peter Beinart schreibt, die andere Seite mag euphorisch sein, aber die Intensität ihrer Freude kann mit der Intensität unserer Verzweiflung nicht mithalten. Der amerikanische Linksliberalismus geht in ein tiefes inneres Exil.

Nicht nur Niederlagen, auch Siege haben ein enormes Verdummungspotenzial. Das Lager der Neokonservativen um William Kristols einflussreiche Zeitschrift Weekly Standard zeigt sich in der Stunde der größten Genugtuung hin- und hergerissen zwischen kleinlichem Triumphalismus und gigantomanischen Visionen. Kristol vergießt seinen Spott über die Haareraufer und Zähneknirscher, die Bushs Sieg nicht fassen können. Wie süß ist es, schwelgt Kristol, das Elend jener Leute zu bedenken. - Amerika pfeift darauf, heißt es weiter im Heft, was Europa oder die New York Times oder Hollywood oder die weltweite Professorenschaft zu sagen hat. Der Präsident solle es mit der Konzilianz gegenüber den Verlierern nicht übetreiben, rät Kristol. Überparteilichkeit ist eine schöne Sache, aber wahre Staatskunst verlangt etwas anderes: L'audace, toujours l'audace, sagte Danton. Wer sagt denn, dass Präsident Bush die Franzosen nicht versteht? So viel zu den zarten Hoffnungen, Bush reloaded werde irgendwie moderater ausfallen.

Siegestrunkene Neokonservative und schockgefrorene Linke sind sich in einem Punkt einig: Diese Wahl ist das vorläufige Schlusskapitel eines Kulturkampfes zwischen Liberalen und Konservativen, der in den sechziger Jahren begann. In den Worten des populären konservativen Radiomoderators Hugh Hewitt: Die Sechziger endeten am 11. September 2001, doch sie wurden zu Grabe getragen am Morgen des 3. November 2004. Bush und sein Chefstratege Rove seien von der Mission getrieben, schreibt die linke Kolumnistin Maureen Dowd in der New York Times, die sixties mit ihrer folgenreichen Mischung aus Gesellschaftskritik, Bewusstseinserweiterung, Selbstverwirklichung und Vietnam-Schuldgefühl endgültig zu besiegen und das manichäische Schwarz-Weiß der Fünfziger an ihre Stelle zu setzen. Und John B. Judis vom Think Tank Carnegie Endowment, ein Berater der Demokraten, hält schmallippig fest: Bush wurde gewählt, weil er mit Erfolg einen Kulturkampf geführt hat.

Dieser vorläufige Deutungskonsens zwischen den einander verhassten Lagern birgt Gefahren für beide Seiten. Er passt etwas zu gut zu den Größenfantasien der einen und zum glamourösen Pessimismus der anderen. Auf der Rechten wird - da das Verbot der Schwulenehe sich als Zugpferd erwiesen hat - schon nach Maßnahmen gerufen, um den Endsieg im Kulturkampf per Gesetz zu besiegeln. Auf der Linken müssen sich nun Gay-Rights-Aktivisten wie der Bürgermeister von San Francisco die Frage gefallen lassen, ob ihre Aktivitäten Kerry die Wahl gekostet haben.