Wie will Frankreich die Sicherheit seiner Atomanlagen garantieren, wenn es nicht einmal eine Bahnstrecke unter Kontrolle bekommt? Jährlich pendeln unbehelligt Dutzende von Atomtransporten quer durchs Land. Jetzt kamen beim Tod eines Castor-Demonstranten bei Nancy die banalsten Bedingungen für eine Katastrophe zusammen. Es ist ein Skandal, wenn allein ein unübersichtlicher Streckenabschnitt und ein unvorsichtiger Demonstrant auf den Gleisen ausreichen, um einen atomaren Schwertransport quasi manövrierunfähig zu machen. Denn hätte der Zug vor einem massiveren Hindernis, einem Gleisbruch oder gar bei einem terroristischen Anschlag schneller bremsen können?

Bislang war es den französischen Umweltaktivisten nicht gelungen, die eigene Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen. Weil Frankreich die Atomtechnik nicht durch die Hiroshima-Bombe, sondern durch Marie Curies medizinische Experimente kennen lernte, genoss die Nuklearindustrie weitgehende Zustimmung. Doch der stillschweigende Atomkonsens seit de Gaulle hat die kleine französische Protestbewegung radikalisiert. Bereits 1977 wurde ein Demonstrant von einer umherfliegenden Granate zerfetzt, 1982 ein Reaktor mit Bazooka-Raketen beschossen. Mittlerweile drohen Demonstranten, die Absperrungen durchbrechen, schwere Militärstrafen.

In Deutschland dagegen, wo die Atomangst breitere Bevölkerungsschichten mobilisiert, gibt es weitaus weniger militante Desperados. Während die Deutschen Angst vor dem GAU haben, müssen sich die Franzosen zudem vor Sabotageakten verrückter Verzweiflungstäter fürchten. Doch zum Schutz vor Atomunfällen gehört die größtmögliche Abwehr von beidem. Der Tod des Demonstranten zeigt, wie weit Frankreich von atomarer Sicherheit noch entfernt ist.