Wer bei fremden Leuten zu Besuch ist, weiß, wie er sich zu benehmen hat. Er macht keinen Schmutz und fingert nicht an allem rum. Er betritt nur Räume, die er betreten darf. Und doch stellt der Hausherr Robert Bégouën vor dem Aufbruch klar: Nichts anfassen! Nicht gegen Wände und Decken stoßen! Anweisungen ist unbedingt Folge zu leisten!

Ich nicke und ziehe den Gürtel fest, an dem der kiloschwere Akku für die Höhlenlampe hängt. Andreas Pastoors, Archäologe vom Neanderthal Museum in Mettmann, nickt ebenfalls. Er kennt die strengen Regeln, die in den Volp-Höhlen gelten. Er ist regelmäßiger Gast im Heim jener Jäger, die sich vor sehr, sehr langer Zeit auf Robert Bégouëns heutigem Grund und Boden niedergelassen haben. Es war Steinzeit.

Nun paddeln wir in einem wackeligen Boot in Unterwelt und Vergangenheit. Den Volp flussaufwärts. Die Höhle verschluckt alles Tageslicht, die Stirnfunzeln werfen drei schwache Kegel auf das gespenstische Gewölbe über unseren Köpfen. Nach 50 Metern legen wir an. Unter den Stiefeln knirscht der Kies. Ein kurzer Fußmarsch, dann die rostbewachsene Leiter hoch bis zu einem Eisengitter. Robert Bégouën kramt nach den Schlüsseln der prähistorischen Gemächer. Es knackt im Schloss. Hereinspaziert, willkommen vor 13700 Jahren!

Der Raum öffnet sich zum Entrée, dann zu einer riesigen Halle. Tausende weiße Stalaktiten stängeln von der Decke. "Wir sind im Hochzeitssaal", sagt Robert Bégouën. Kalkablagerungen zauberten in Jahrzehntausenden die bizarre Kulisse in diese Kaverne. Was mögen die Steinzeitler, brennende Fettklumpen auf Sandsteintäfelchen schwenkend, angesichts dieser Pracht empfunden haben? Wie nutzten sie diesen Raum? Und wo überhaupt richteten sie es sich in dem riesigen Labyrinth vom Tuc d’Audoubert gemütlich ein?

Solche Fragen stellte sich lange niemand. Lascaux, Altamira, Chauvet – Höhlen mit herrlicher Eiszeitkunst wurden im 20. Jahrhundert entdeckt. Aber während die Archäologen und Besucher dort die gelungenen Arbeitsproben prähistorischer Schöngeister bewunderten, zertrampelten sie die Spuren unter ihren Füßen. Oder es wurde Bodenmaterial kubikmeterweise aus den Höhlen gekarrt, gesiebt, durchwühlt. Da fanden sich zwar Kleinode wie Knochensplitter und Feuersteinklingen. Der Kontext der Funde jedoch ging verloren.

Nicht so im Tuc d’Audoubert. Die Grotte liegt, wie die beiden anderen Volp-Höhlen Enlène und Les Trois Frères, auf dem Gebiet der südfranzösischen Kommune Montesquieu-Avantès, am Rand der Pyrenäen. Vor vier Jahren startete das Neanderthal Museum mit Hilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein einzigartiges Projekt. Zusammen mit den französischen Höhlenkunstexperten Jean Clottes, Carole Fritz und Gilles Tosello untersucht Pastoors systematisch alle Spuren, die verraten, wie die Menschen damals hier wohnten. "Der Knochen am Boden hat für mich die gleiche Bedeutung wie das Pferd an der Wand", sagt er. So ist ihm eine minutiöse Rekonstruktion des steinzeitlichen Höhlenalltags gelungen.

Der 64-jährige Robert Bégouën ist Besitzer, Erforscher und Hausmeister der Höhlen in einer Person. Das Land, unter dem wir uns bewegen, ist Familienbesitz. Sein Vater Louis und seine Onkel Max und Jacques Bégouën entdeckten 1912 die Tuc-Höhle. In den Jahrzehnten danach hat die Sippe jeden Hektar über den unterirdischen Stätten zusammengekauft. Die Volp-Höhlen wurden zur Bégouënschen Familienangelegenheit und ihr Schutz Ehrensache. Aus idealistischen Gründen entstand eine Stiftung, die Association Louis Bégouën; sie hat sogar die Registrierung als monument historique abgelehnt, um jegliche touristische Nutzung zu verhindern. Stattdessen erwirkten die Bégouëns, dass die ganze Gegend demnächst in den Rang eines Naturschutzgebiets erhoben wird.

Das garantiert maximalen Schutz. Der konsequente Kurs der Familie, fast niemanden in die Höhle zu lassen, erweist sich als Glücksfall für die Wissenschaft. Während die meisten anderen Höhlen massiv in Mitleidenschaft gezogen wurden, liegen hier die Utensilien des paläolithischen Alltags noch genau so herum wie zu Familie Feuersteins Tagen.