Zur Ost-West-Aporie: In Sachsen bin ich Brandenburger, in Baden-Württemberg Ostdeutscher, in Wien Deutscher. Martenstein und Harpprecht, der ein Buch von Wolfgang Herles rezensiert (Wir sind kein Volk), regen mich wirklich auf.

Zu Martenstein: Dass Ossis meckern, Blitz-Illu lesen, PDS wählen und in Sachsen komisch sprechen, stimmt. Dass Wessis meckern, Bild lesen und in Bayern komisch wählen, stimmt ebenso.

Menschen sind verschieden. Hey, gucken Sie auf Ihren Nachbarn, gehen Sie in irgendeine Spelunke oder einfach mal weg von zu Hause, wie es 80 Prozent meines Abiturjahrganges getan haben.

Zu Harpprecht beziehungsweise Herles: Ja, ja, die gute alte Zeit oder hätte, könnte, wenn: Der Osten als teures Kind, Langzeitstudent und Geldverschwender. Solange die Integration und Annäherung zwischen beiden Himmelsrichtungen an den Parteivorlieben, der Arbeitslosenstatistik oder den Medienpräferenzen festgemacht wird, werden Leute wie die beiden Hs immer Munition für ihre Flinten finden. Ein Brandenburger wird kein Niedersachse, ein Westfale kein Mecklenburger. Was brachte die Einheit? Probleme oder Herausforderungen? Dynamik oder Chaos? Rot-Grün oder das Ende einer ordentlichen Wirtschaftspolitik? Ich lebe gerne in diesem Land, danke Amerika, Gorbatschow und Kohl. Nur, ist der Solidarbeitrag ein Kredit oder sogar Sponsoring? Was wird von mir erwartet? Ich tue mein Bestes, um mir ein Leben aufzubauen, das mich am Ende zufrieden abtreten lässt. Ich habe keine Schulden bei Baden-Württemberg oder Bayern, und ich bin jeden Cent Solidarbeitrag wert.

Manchmal zahlt man eben auch für Denkanstöße und einen pluralistischen Staat viel Geld (1,2 Billionen). Unsere Situation ist historisch einmalig. Wer das nicht als Geschenk begreift, ist selber schuld.

GEORG MATERNA (23 JAHRE), GEBURTSORT BERLIN, HEIMATORT NEURUPPIN, STUDIENORT LEIPZIG, AUFENTHALTSORT WIEN

Leider hat sich bei Ihnen ein Fehler eingeschlichen: Der 40. Jahrestag der DDR war am 7. Oktober 1989, nicht am 6. Das ist aber Kleinkram. Traurig ist, dass Sie die entscheidende Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig nicht erwähnen. Trotz massiver Drohungen gingen damals 70 000 Menschen auf die Straße. Dass dagegen die Pseudodemonstration in Berlin vom 4. November erwähnt wird, zeigt, welchen Erfolg man mit diesem SED-PR-Trick bis heute hat. Und natürlich begann der Herbst 89 nicht nur mit der Massenflucht im Sommer - Wir bleiben hier! war der Ruf derer, die wirklich zum Problem wurden, den Gehenden weinte man ja keine Träne nach. Man sollte den Blick vom Herbst 89 und damit das Gesamtbild bitte nicht auf den 9. November verengen.