In zwei Klassen teilte der große englische Parlamentstheoretiker Walter Bagehot die Verfassungsinstitutionen ein: auf der einen Seite die ehrwürdigen, auf der anderen die effektiven Instanzen und Gebräuche, wobei das Paradox darin liegt, dass die effektiven Mechanismen der Politik (die effective parts) für ihr ruhiges Funktionieren auf die scheinbar so funktionslosen dignified parts durchaus angewiesen sind. Politik hat eben nicht nur mit Streit und Stärke zu tun, sondern auch mit Stil. Das merkt man am deutlichsten dann, wenn der Stil so grob missachtet wird wie bei der schnöden Idee jener kleinen sozialdemokratischen Runde im Kanzleramt, den Tag der deutschen Einheit handstreichartig von seinem festen Datum am 3. Oktober auf den jeweils ersten Sonntag im Oktober zu verlegen - ausgerechnet im 15.

Jahr nach dem Fall von Mauer und Stacheldraht.

Ob der Bundespräsident wirklich der (alleinige) Hüter der Verfassung ist, darüber kann man mit guten Gründen streiten. Ohne Zweifel aber repräsentieren das Amt wie die Person den Staat insgesamt - und damit auch die Einheit der Nation. Wer sich ein minimales verfassungspolitisches Stilgefühl bewahrt hat, käme nicht einmal im Albtraum auf die Idee, am acquis constitutionel, am Bestand der nationalen Symbolik (Flagge, Hymne, Orden, nationale Feiertage ...)

eine Änderung auch nur zu erwägen, ohne zuvor den Bundespräsidenten zu konsultieren. Früher ist das selbst in Fällen so gehalten worden, in denen Präsident und Kanzler nicht einer Meinung gewesen waren.

So wollte Theodor Heuss der Bundesrepublik am liebsten eine neue Nationalhymne verschreiben. Schließlich musste er einräumen, dass er mit seinem Vorhaben gescheitert war - übrigens aus politischen wie aus ästhetischen Gründen. Stattdessen kam es zu einem merkwürdigen Kompromiss, der in einem vom Bundespräsidenten konzipierten Notenwechsel zwischen Heuss und Adenauer ausgehandelt wurde: Das Deutschlandlied sollte die Nationalhymne sein, aber bei staatlichen Anlässen sollte nur die dritte Strophe gesungen werden. Nach der Wiedervereinigung wahrte dann Richard von Weizsäcker kurz entschlossen die Vorrechte des Staatsoberhauptes, zog die Initiative wie die Sache an sich und legte in einem Brief an Kanzler Helmut Kohl fest: Künftig ist allein die dritte Strophe die Nationalhymne.

Wie instinktlos demgegenüber der Bundesfinanzminister in der Frage des 3.

Oktober - mit der Rückendeckung des Kanzlers - vorging, lässt sich schon daran ablesen, dass Hans Eichel, kurz bevor der Vorschlag öffentlich wurde, noch beim Bundespräsidenten zum Gespräch gewesen war, ohne seine flache Idee auch nur zu erwähnen.