Die Nasen. Etwas stimmt nicht mit ihnen. Zu sehr ähneln sie einander: klein, gleichmäßig hübsch und charakterlos. Es gibt Nasen-Orte in Teheran, zum Beispiel um den Vanak-Platz, da hängen besonders viele Schilder von Ärzten: "Haut, Haare, Schönheit. Plastische Chirurgie". Junge Frauen mit einem Pflasterverband auf der Nase bummeln an Schaufenstern vorbei, es ist keine Schande, eine operierte Nase zu haben, im Gegenteil. Das Pflaster ruft: Seht her, ich konnte es mir leisten! Eine neue Nase kostet zwei bis drei Monatsgehälter eines Lehrers. Eine Iranerin an der geschlossenen US-Botschaft in Teheran, amerikafeindliche Parolen werden immer wieder nachgepinselt

Der suchende Blick einer Frau fährt über die Ärzteschilder. Nase? Nein, Brust, antwortet sie ohne Zögern. Neun Lehrergehälter.

Das "Jaam-e-jam" ist gleichfalls ein Nasen-Ort, eine Ansammlung von Restaurants unter einem Dach, ein Food-Court, man isst japanisch und trinkt caffè latte. Hier trifft sich die Jeunesse dorée aus dem wohlhabenden Teheraner Norden, schick und entsetzlich gelangweilt. Die Mädchen rauchen und tragen enge Mantelkleider über Jeans in Capri-Länge, pinkfarbene Schühchen und Stupsnasen.

Kleine Fluchten, 1001 kleine Fluchten. Eine Nase ist leichter zu korrigieren als ein System. Und der Wunsch nach Schönheit, nach makelloser Schönheit ist groß in diesem Land. Auch unter einem schwarzen Tschador kann eine perfekt manikürte Hand zum Vorschein kommen.

Ist es erlaubt, vom Bedürfnis nach Schönheit zu erzählen, während die Welt über Irans Atomprogramm redet? Vielleicht muss man gerade jetzt davon erzählen. Damit sich mit der heraufziehenden neuen Eiszeit nicht wieder der Vorhang senkt, hinter dem dieses Land lange genug verschwunden war.

Teheran, im 25. Jahr der Islamischen Revolution. Das grüne Eisentor der ehemaligen US-Botschaft ist versperrt, erloschene Diplomatie seit einem Vierteljahrhundert. Am 4. November 1979 stürmten revolutionäre Studenten die Botschaft, 444 Tage währte die Geiselaffäre. Zeitgeschichte, erstarrt in Parolen und Gemälden auf der hohen Ziegelmauer. Frisch nachgepinselt ein Slogan in ungelenkem Englisch, hadernd mit der imperialistischen Grammatik: Nach Israel sei Amerika der meistgehasste Feind der iranischen Nation.

Frage an zwei Polizeioffiziere, die vor der Botschaft den Verkehr überwachen: Wie ist es mit dem Hass? "Fragen Sie die Nation. Ich persönlich glaube es nicht", sagt der eine. Der andere antwortet mit einer Gedichtzeile: Im Wesen des Islams habe Gewalt keinen Platz. Dann sagt er: "See you!"