DIE ZEIT: Viele junge Iraner geben sich antireligiös. Sie selbst sind Theologe und werden von Studenten wie ein Star gefeiert. Wie gelingt Ihnen das?

Mohsen Kadiwar: Es gibt eine demokratische und eine tyrannische Interpretation des Islams. Die offizielle Interpretation in Iran ist eine tyrannische. In der Hand der Regierung ist Religion nur ein politisches Instrument. Wir verlangen Gerechtigkeit und Meinungsfreiheit. Das verstehen die Studenten sehr genau.

ZEIT: Wie viele Geistliche denken wie Sie?

Kadiwar: In der Anfangszeit von Präsident Chatami haben die Geistlichen, wie die Mehrheit der Bürger, für Reformen votiert. Es gibt also keinen großen Unterschied zwischen Geistlichen und anderen Iranern. Aber weniger als zehn Prozent der Geistlichen denkt überhaupt politisch, und von denen steht die Mehrheit der Regierung nahe. 90 Prozent gehören weder zu diesem noch zu jenem Lager. Unter den zehn Großajatollahs stehen drei uns nahe, drei der Regierung, die anderen sind in der Mitte. Wer sich als Geistlicher in diesem System zur Opposition bekennt, hat keine Chancen. Ich bin auch im Ausland bekannt, mit mir können sie nicht alles machen.

ZEIT: Setzen Sie noch Hoffnung auf Reformen von oben?

Kadiwar: Die Reformisten haben versagt. Sie hatten die Gunst der Stunde und haben sie nicht genutzt. Präsident Chatami hatte die Unterstützung von 80 Prozent der Bürger, aber er und seine Leute haben ihre Zeit nicht genutzt. Jetzt ist die Zeit der Konservativen.

ZEIT: Vor 25 Jahren waren Sie wie die meisten heutigen Reformer ein feuriger Befürworter der Revolution. Später haben Sie für Ihre Kritik an der iranischen "Herrschaft der Rechtsgelehrten" anderthalb Jahre im Gefängnis gesessen.