Wenn heutzutage ein Roman mit fantastischem Inhalt erscheint, dann lässt der Verweis auf einen gewissen jungen Zauberlehrling nicht lange auf sich warten, etwa bei dem Jugendbuch Artemis Fowl von Eoin Colfer. Nun breitet sich der Potterismus auch auf die Literatur für reifere Leser aus. Susanna Clarkes erstem Roman Jonathan Strange & Mr. Norrell brachte sein Ruf als "Harry Potter für Erwachsene" eine Star-Erstlingsauflage in zwölf Ländern ein. Die Filmrechte wurden bereits von New Line Cinema (Herr der Ringe ) erworben.

Dabei haben Clarke und Rowling außer dem Verlag Bloomsbury und dem Umfang ihrer Bücher nur die Profession ihrer Protagonisten gemeinsam. Und eigentlich nicht einmal die, denn zu Beginn von Clarkes Roman wird die Magie in England nur mehr als Wissenschaft betrieben, und auf den ersten 100 Seiten fallen lediglich zwei Zaubersprüche. Susanna Clarke entwirft im Jane-Austen-Stil ein England zu Beginn des 19. Jahrhunderts bis zu Details wie etwa den Vorzügen von Dienstboten auf dem Land gegenüber denen in der Stadt. Das Übernatürliche gelangt mit den magisch begabten Titelfiguren in den Roman: dem eigenbrötlerischen Mr. Norrell und seinem Lehrling Jonathan Strange, zwischen denen sich ein Konflikt entwickelt, der nicht nur Englands Zukunft entscheiden kann.

Märchenelemente – etwa ein Finger als Pfand für ein Leben – überziehen den Roman mit einem verwunschenen Nebel, aus dem die Gegenwelt zu dem höfischen England, "Faerie" (unzureichend übersetzt mit "Elfenland"), lockt. Stranges Neugier und Sehnsucht nach Wegen "hinter den Himmel, auf die andere Seite des Regens" ziehen ihn langsam auf die dunkle Seite der Magie, bis der Herrscher von Faerie – der "Mann mit dem Haar wie Distelwolle" – Jonathans Frau Arabella entführt.

Susanna Clarke mischt geschichtliche Personen wie den Dichter Lord Byron oder den Feldführer Lord Wellington ("Waterloo? Es gibt keinen Ort, der so heißt") mit einer Historie der Magie in England. Die Ebenen werden so geschickt verwoben, dass der Leser beinahe anfängt, an die mythisch aufgeladene Figur des Rabenkönigs zu glauben, der einst über England herrschte. Dazu tragen die Fußnoten bei, die Nebengeschichten erzählen und auf fiktive und reale Quellen gleichermaßen verweisen. Clarke scheut sich nicht, den eige- nen "wissenschaftlichen Anspruch" zu belächeln, indem sie einen "theoretischen Zauberer" sagen lässt: "Blau bedeutet – Unsterblichkeit, Keuschheit und Treue, es steht für Jupiter und kann durch Zinn symbolisiert werden. Hmm. Und was sagt uns das?" – "Nichts. Gehen wir weiter." Dieser subtile, bisweilen etwas schwarze Humor zieht sich durch den Roman wie ein Pfad aus Tretminen.

Zwar antwortet Strange in bester britischer Manier auf die Frage, ob ein Zauberer einen Menschen durch Zauberei töten könne: "Ich nehme an, dass ein Zauberer es könnte, aber ein Gentlemen würde es nie tun"; doch eigentlich sind es die dunklen Seiten an Clarkes Helden, die sie interessant machen. So setzen Norrell und Strange ihre Künste im Krieg gegen Frankreich ein – eine Alternative zum uralten Kampf in der Fantasy-Literatur zwischen Gut und Böse. Auch die Nebenfiguren faszinieren, allen voran der prophetische Scharlatan Vinculus. Die wahren Schicksalslenker in diesem Roman sind jedoch die Diener, die im Hintergrund die Karten mischen. Das halb offene Ende lässt auf eine Fortsetzung hoffen.

Mit einer wunderschönen Bildersprache hat Susanna Clarke ein Buch für lange Herbstschmökerabende geschrieben, ein Buch, auf dessen honigfarbene Seiten einfach Schokoladen- und Kaffeeflecke gehören.