Professor Yangs Kopf ist explodiert. Nach einem Schlaganfall stürzen wirre Wortkaskaden aus dem Mund des angesehenen Gelehrten und ergießen sich wie Schockwellen über die erschrockenen Besucher im Krankenzimmer. Vor allem sein Lieblingsstudent Jian, der die Nachmittage am Bett des verehrten Lehrers verbringt, ist diesen Wortexzessen ausgesetzt. Was ist mit dem hochgebildeten Literaturwissenschaftler geschehen? Hat der Hirninfarkt seinen Geist gründlich verwirrt? Der unfreiwillige Lauscher, den die Parteisekretärin kurz vor seiner Prüfung zur Krankenpflege abkommandiert hat, ist zunächst angewidert und peinlich berührt von den kindischen Altmännerneckereien, dem Schmettern unliebsam gewordener Revolutionslieder und den schamlosen erotischen Fantasien des Kranken. Doch zunehmend ergreift ihn eine lüsterne Neugier an der Seelenentblößung dieses Mannes, und längst hat er bemerkt, dass aus diesem versprengten Geist Einsichten hervordrängen, die nicht nur eine dramatische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit bezeugen, sondern auch Appelle an ihn enthalten, seinem Leben eine neue Wendung zu geben. Gebannt lauscht Jian diesem Mann, der kurz vor seinem Tod für das Recht auf individuelle Entfaltung und persönliches Glück plädiert und gegen die Machtwillkür einer Partei rast, die unter dem Etikett kollektiver Fürsorge die Menschen bis in die intimste Zweisamkeit überwacht.

China 1989. Tausende Studenten sind auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Hungerstreik getreten, um gegen Korruption und Machtmissbrauch zu protestieren. Auch in der Provinz gärt es. Dorthin führt uns der chinesische Autor Ha Jin, der seit 1985 in den USA lebt, in seinem dritten Prosawerk. Er erzählt die Geschichte eines Verrückten (The Crazed lautet der Originaltitel), dem der partielle Verlust seines Verstandes ein Schlupfloch aus dem gesellschaftlichen Zwangskorsett und damit zu seinen ureigenen Bedürfnissen öffnet. Erst in diesem Zustand der Raserei ist er dem Zugriff der allmächtigen Staatspartei entrückt, dem der Gelehrte bereits einmal – während der Kulturrevolution – leidvoll ausgeliefert war. Erst jetzt hat er den "Mut zur Wahrheit".

Ha Jins Buch ist ein traditionell erzählter Entwicklungsroman, in dem persönliche und politische Ereignisse ineinander greifen. Gemächlich und manchmal mit Witz und Drastik gewürzt, beschreibt er die Suchbewegungen eines jungen Mannes, der das Leben nur aus zweiter Hand kennt. Erst die schicksalhafte Verknüpfung mit dem Unglück des väterlichen Lehrers bringt sein abgesichertes Weltbild ins Wanken, das ihm immerhin eine akademische Karriere und die Tochter des Professors versprochen hatte. Bei seinem täglichen Pflegedienst erlebt er, wie die Masken der Konvention fallen und archaische Gefühle durchbrechen. Er erkennt mit scharfem Blick, wie sich Tradition, Doktrin und wirtschaftliche Not zu einem engmaschigen Netz verbinden, das dem Einzelnen keinerlei Privatsphäre lässt.

"Ich wollte den Kokon zerstören, in dem ich eingeschlossen war"

Eine Chance, dem in sich geschlossenen System zu entrinnen, sieht Jian zeitweise in der Protestbewegung. "Ich wollte", sagt er rückblickend, "diesen unzerstörbaren Kokon durchstoßen, in dem ich eingeschlossen war, und Beijing, das kranke Herz dieses Landes, schien der geeignete Ort, um das Messer anzusetzen." Doch als die Demonstranten blutig niedergemetzelt werden, reagiert er wie sein Autor, der in einem Interview geäußert hat, dass er zwar freiwillig in die USA gegangen sei, aber dass es nach dem Massaker 1989 für ihn "plötzlich unvorstellbar war heimzukehren". Auch Jian – das Alter Ego von Ha Jin – wählt für sich einen anderen Weg.

Wie in seinen früheren Romanen Warten und Im Teich gehört auch hier die Geduld zu den Grundzügen menschlichen Verhaltens. Doch anders als deren Helden, die sich mit unendlichem Beharrungsvermögen in ein vorteilhaftes Ziel verbeißen und dabei sich selber verloren gehen, verhilft in Verrückt das Ausharren in einer unerträglichen Situation den beiden Hauptfiguren zur Entdeckung der eigenen Wirklichkeit.

Folglich sind Yang und Jian und ihr Verhältnis zueinander der Dreh- und Angelpunkt des Romans. Mit großer Sorgfalt beschreibt der Autor, wie die neue Situation das bisherige Rollenschema zwischen beiden Männern aufbricht und sie sich auf einmal in einem undefinierten Kommunikationsraum begegnen, in dem Gefühle unverstellt aufeinander prallen und ein lebendiges Miteinander schaffen. Vor allem Jian erlebt bei sich ein neues Repertoire ungewohnter Verhaltensweisen, die ihn aus seiner Lethargie herausreißen. Zunehmend wird er zum Entdeckungsreisenden, der in die innere Erlebniswelt eines anderen eintauchen darf. Er erfährt zum ersten Mal, dass sich ihm ein Mensch mit seiner körperlichen und seelischen Schwäche und mit all den tragischen Verstrickungen seines Lebens zumutet und dass das mit Würde und Weisheit einhergehen kann.