Name: Litzy, auch Alice oder Lizzy, Lizy, Lisa. Nachname: Kohlmann, Philby, Friedmann, Honigmann. Haarfarbe? Viele. Geburtsdatum? Sterbetag? Ungeklärt. Lebte in Wien und Ungarn, England, Frankreich, in Ost-Berlin tatsächlich 37 Jahre, zuletzt wieder in Wien. An ihrer Wohnungstür in der Theresianumgasse, 4. Bezirk, stand: Dr. John. Aber Dr. John gab es da nicht…

Eine Tochter erzählt von ihrer Mutter, also von Lizzy Honigmann. Diese Mutter hatte im hohen Alter ihre Tochter gebeten, "ein Kapitel aus meinem Leben" aufzuschreiben, es ist also eine Art von Auftragsarbeit, aus der dieses Buch von Barbara Honigmann hervorging, was für ein Buch eigentlich? Eine Biografie, der Mutter? Dazu bleibt die Faktenlage zu dünn. Oder der Tochter Barbara, die sich an ihre Mutter zu erinnern versucht, welche sich ihr schon immer als Sehnsuchtsperson entzog, in eine eigene Welt? Mit ihrem Tod verschwand die letzte Wahrheit über jene Jahre, in denen Lizzy Honigmann mit Kim Philby verheiratet war, dem berüchtigtsten Spion aller Zeiten, angeblich durch sie angeworben im roten Wien von 1934. Einer, der seine Heimat England verriet wie keiner, die Herkunft aus dem Großbürgertum, das Bildungsprivileg in Cambridge, die intellektuellen Freunde, natürlich Lizzy wie andere Frauen, der geniale Schurke in russischen Diensten, verantwortlich für den Tod vieler, Chef der britischen Gegenspionage und beinahe Leiter des britischen Geheimdienstes – oder womöglich doch ein ganz anderer war. Einer, der die Russen schon immer verriet und mit ihnen seine kommunistischen Freunde, an die Briten, der Inbegriff des dritten Mannes, ein Held, zuletzt Frühpensionär in Moskau. Er also Lizzys Mann. Bis zur Scheidung, im Jahre 1942. Oder war es 1944? 1945? Erst 1946?

Wer nach Doku-Krimi giert, soll woanders suchen

Welch ein Stoff! Und wie wenig davon das Buch hergibt, was als Qualität zu begreifen ist. Wer nach einem Doku-Krimi giert, soll woanders suchen. Hier wird nichts enthüllt. Im Gegenteil. Leser werden umgarnt, mit tastenden Erzählbewegungen, die sich in Spekulationen verstricken, von Unsicherheiten in Ungereimtheiten geleitet, in einen Raum gelockt, in dem die Gestalt der Mutter gleich einem Vexierbild aufblitzt, um sofort wieder zu verschwinden. Ein Porträt der Mutter? Mitnichten. Es ist, als leuchte jemand in den Nebel, und alles verschwimmt im Weiß.

Barbara Honigmann, Dramaturgin und Regisseurin aus Ost-Berlin und heute in Straßburg beheimatet, seit ihrem Debüt mit Roman von einem Kinde eine gefeierte Autorin, sie gilt als Dichterin des Autobiografischen, und wer ihr kleines Buch Eine Liebe aus nichts gelesen hat, ein Abschied von dem geliebten Vater, wird das neue Werk vielleicht als fällige Ergänzung erwarten. Darf man den Umschlag eines Buches erwähnen? Er zeigt ein Bild der Mutter, ein in sich versunkenes Gesicht, mit Augen, die nach innen blicken.

Sie ist eine Schönheit. Eine Vielbewunderte, die Gattin vieler Männer. Oft verlassen, keine Glückliche. Oder doch? Jedenfalls eine mit Haltung. Nie unfrisiert, selbst vor Überraschungsgästen. Unpässlichkeiten gibt es nicht, Schmerzen schon gar nicht. Was also sieht sie, in ihrem Inneren, hinter der Fassade, gibt es überhaupt ein Inneres, ist es schmerzfrei zu haben? Darüber nie mit der Mutter gesprochen. Dies ist nicht mal eine versuchte psychologische Studie, auch keine Tiefenschürferei in Mutter-Tochter-Wirrnissen. Honigmann erzählt von einer Familie, die sich ihr verschließt, obwohl doch Tochter und alleinerziehende Mutter lange zu zweit lebten, in einer Sprache von nüchterner Alltäglichkeit. So wird im Stilistischen, im Auseinanderfallen zwischen saloppem Ton und den dräuenden Gefühlen des Kindes, eine maximal schmerzliche Distanz zwischen den Menschen aufgerissen.

Die Mutter ist verschwiegenheitssüchtig. Dabei konversationsgelenkig, wie das auf Distanz gehaltene Kind klug beobachtet, was vielleicht das Gleiche ist, im Stile jener britischen Kunst, mit Geplauder von den tiefen Dingen abzulenken. So viel zu dem, was Barbara Honigmann nicht ohne Ironie als "englische Seite" von Lizzy benennt. Und in Gegensatz setzt zu einer "ungarischen Seite" oder "österreichischen". Die Mutter als Kosmopolitin. Will heißen: unverortet. Sie fällt auf, mit Wiener Akzent in Berlin, mit rollendem R in London oder in Paris, durch Abwesenheit in Wien. Eine Fremde überall, eine Jüdin, die stolz auf die Herkunft als eine Kohlmann ist, deren Name sie von Kalonymos herleitet, angeblich der ersten jüdischen Familie diesseits der Alpen. Aber die doch zur jüdischen Welt schweigt, wie später über ihre politischen Verwicklungen.

Alles runterspielen, das erste Gebot. "Wir saßen einfach öfter in politischen Versammlungen als in Konzerten", erklärt sie der Tochter. Lachhaft! Von den Monaten im Gefängnis ist das Fehlen eines Spiegels im Gedächtnis, denkt sie an Paris, 1937, wo sie Kassiber von Philby weiterreichte, ist die Rede von Festen, "getanzt habe ich! Nächtelang getanzt!". Und dies also die Frau, die wusste, dass die Rosenbergs der Atomspionage schuldig waren? Für deren absolute Verlässlichkeit es auf kommunistischer Seite offensichtlich hinreichend Beweise gab, um sie nicht exekutieren zu müssen, zur Absicherung von Philby, der schärfsten Waffe gegen den Klassenfeind?