Es ist die hässlichste Puppe der Welt", hatte Alison Kennedy gesagt, "nichts als ein Schuh im Kleid. Dein Vater hat sein Geld versoffen, es ist Weihnachten, und du bekommst dies grauenhafte Ding." Ich erkenne sie sofort. Umgeben von kleinen viktorianischen Damen, Puppenstuben und anschmiegsamen Kuschelgeschöpfen, liegt die hässlichste Puppe der Welt auf dem Vitrinenboden, eine umgedrehte Schuhsohle, fast 100 Jahre alt, mit einem auf den Absatz gekritzelten Gesicht und einem Lappen um den flachen Leib.

Wenn Alison Louise Kennedy, geboren (1965) und aufgewachsen im nahen Dundee, als Kind mit den Eltern nach Edinburgh fuhr, gab es diesen einen Ort, den sie mochte: das Museum der Kindheit in der Edinburgher Royal Mile, der Königsstraße zwischen zwei Schlössern im Herzen der mittelalterlichen Stadt. Es leuchtet freundlich inmitten einer Erinnerungslandschaft aus Autoschlangen und stundenlanger Parkplatzsuche, elterlichem Streit, dann stundenlangem Autosuchen. "Was wir zwischendurch gemacht haben? Keine Ahnung. Nach Edinburgh zu fahren, das war Einkaufen in der feinen Stadt, Spezialitäten, Kleider, Sachen, die es in Dundee nicht gab, aber geblieben ist mir nichts davon." Nur: im Auto sitzen, und wieder im Auto sitzen, und manchmal ins Museum of Childhood gehen, wo der Optiker, Sammler und Publizist J. P. Murray 1955 begonnen hatte, Kinderspielzeug aus allen Ländern und Milieus zusammenzutragen.

Alljährlich im Sommer tobt Edinburgh. Die Stadt mit der mittelalterlichen Skyline ist dann Schauplatz etlicher Festivals. Fast unscheinbar nimmt sich da das Book Festival aus, obwohl es doch dem Anschein zum Trotz das größte seiner Art in Europa ist.

Das ist sie: Alison Louise Kennedy, 39, zart und burschikos zugleich, vor dem Eingang zum Author’s Tent in glücklich verschworener Gemeinschaft gleichgesinnter Geister, in Jeans und Fleece, ungeschminkt und ungeschmückt, weder Haar- noch Kleiderpracht drängen ins Bild; nichts, das Ablenkung erlaubt – pur.

Sie hat Kaffee geholt und Gebäck, umarmt hier, nimmt dort eine Hand, möchte sich sichtlich nicht lösen aus dem lebhaft redenden und lachenden Kreis, und auch als wir unser Gespräch begonnen haben, sendet ihr Gesicht weiterhin Augenbriefe, Murmelbotschaften; die Seitengeschichten! Ich merke es, als ob ich es nicht schon aus ihrem umfänglichen Werk wüsste: Sie ist erfahren im Unterwandern von Schauplätzen. Zugleich ruft das Telefon. "Das ist mein Verleger" (das Handy, verborgen im Ärmelfach des Fleece-Pullovers, hatte diskret gepiepst), "und dies ist einer der leuchtenden Sterne dieser Stadt", kommentiert sie den kurzen Wortwechsel mit einem hoch gewachsenen freundlichen Herrn, dem ehemaligen Bischof von Edinburgh.

"Hier treffe ich von morgens bis abends Freunde, die ich oft nur dies eine Mal im Jahr sehe", erklärt sie, "und in der Nähe spüre ich, was Schriftsteller gemeinsam haben, was uns auch verbindet; der Versuch, aufmerksam zu sein, interessiert an Sprache, sorgfältig mit Sprache; und dies ist dann gleich politisch, weil unsere Politiker Sprache entstellen und missbrauchen. Schriftsteller sind in der Regel Leute, die mit Sprache spielen, die mit Erinnerung arbeiten, die Geschichten erzählen und gern sprechen.

Man beginnt sich zu Hause unter Schreibern zu fühlen, außer wenn es darum geht, wer der bessere ist, das ist uninteressant. Mein Freundeskreis besteht inzwischen überwiegend aus Schreibenden."