Tatsächlich! Bei dem angestammten Interesse neuerer Literatur für Minderheiten ist die Geistlichkeit bisher zu kurz gekommen. Katholische Priester als Romanhelden sind kein Renner, heutzutage weniger denn je. Beliebter sind sie als klischeehafte Nebenfiguren, wenn nicht gar als Knallchargen, die nur selten als Sympathieträger taugen.

Hochwürden Isidor Rattenhuber dagegen kann sich als Romanheld sehen lassen. Und fast will es scheinen, als hätte Petra Morsbach ihm diesen Namen nur gegeben, um zu demonstrieren, dass sie ihre Figur spielend gegen alle Belastungen durch Amt, Typisierung und Klischee durchsetzen kann. Genau das ist ihr gelungen. Zwar nicht unbedingt auf die brillant hochfliegende Art. Aber auf sehr solide, eindringliche und einnehmende Weise, mit nüchternem Respekt und einem gleichsam sachlichen Witz, der mehr den Verhältnissen als den darin Handelnden gilt. Petra Morsbachs Fähigkeit, sich in den Alltag verschiedenster Lebenswelten zu vertiefen, ist ja zweifellos beträchtlich, gleich ob es sich um die mistigen Angelegenheiten auf einem Reiterhof, die Eingeweide eines Opernhauses oder – unübertroffen – um den Hindernislauf des Lebens in Sowjetrussland handelt.

Entscheidend ist – und das fällt bei einem Geistlichen besonders ins Auge: Morsbachs Protagonisten sind keine Ausnahmefiguren. Gottesdiener handelt nicht von einem Priester, der heiratet, Isidor ist kein Schwuler, keiner, der gegen die Kirche rebelliert, kein Dunkelmann des sexuellen Missbrauchs. Ja, er leidet nicht einmal richtig dramatisch an Glaubenszweifeln, wie sie vor einigen Jahren die Österreicherin Evelyn Schlag in einem Priester-Roman sehr achtbar thematisiert hat. Was also lässt sich von so einem überhaupt erzählen, der im Kirchenamt eine so sichere wie bescheidene Zuflucht vor den Turbulenzen des Daseins gefunden hat?

Der riesige Bestand erhabener Wörter lässt keine Frage offen

Genau das ist der Stoff!, lautet die Antwort des Romans, mit dem uns Morsbach auch hier wieder hinter die Kulissen führt, hinter die zeremonielle Pracht, das formelhafte Gebaren, das salbungsvolle Seelsorgerhandwerk. Und siehe, es ist interessant, von einem Leben zu hören, in dem die Schrift, der riesige Bestand erhabener Worte, keine Fragen offen lässt, in dem aber gleichwohl die wirklich lebendigen Antworten hinsichtlich existenzieller Angelegenheiten eher Mangelware sind.

Trotzdem war es gerade das Wort, vermittels dessen Isidor in der Kirche Halt gefunden hat. Dem kleinen Stotterer aus dürftigsten Familienverhältnissen hat die kirchliche Fürsorge jedenfalls geholfen, seine zerhackten Wörter heil zu machen und seinem zerfahrenen Leben eine Form zu geben. Was keineswegs heißt, dass Hochwürden Isidor als Gemeindepfarrer von Bodering im Bayerischen Wald hinfort aller Sorgen ledig wäre. Nein, er durchläuft alle Krisen, die man sich denken kann. Der Überdruss an der eigenen Rolle, die Frauen, der Glaubenszweifel, die Lust, BMW zu fahren, die Ohnmachtsgefühle, der Alkohol, die Zölibatsschmerzen, die innere Leere, das Sündenbewusstsein, die Einsamkeit, die Minderwertigkeitskomplexe, die fehlende Haushälterin, die vorhandene Haushälterin. Isidor macht alles durch, auf seine stille, bescheidene Art, wegen der man ihn leicht des klerikalen Muckertums bezichtigen könnte. Seine Autorin macht weder dies noch das Gegenteil. Sie stilisiert ihn weder zum Helden der Duldsamkeit noch zur spirituellen Leuchte.

So klein kann das Leben unter der Aufsicht des Allergrößten sein

Sie zeigt ihn als Mann an der Front, und das ist neben der priesterlichen Individualgeschichte der zweite Handlungsstrang. Wer kann sich schon vorstellen, was es heißt, an solch einer seltsamen Front zu stehen? Im Zentrum einer Gemeinde, repräsentativ und doch auf ungewisser Basis. Mit offenem Ohr für die treue, mitunter bigotte Kundschaft, die auch in ihrer Neigung zum religiösen Aberglauben nicht verstört werden will. Immer bereit zum Beistand für die wirklich Beladenen, vor denen ein Isidor mit seinen geweihten Trostformeln nur sehenden Auges versagen kann.