Als Armin Mueller-Stahl im Fernsehen Thomas Mann gab, gelang es ihm, die soignierte Intellektualität des großen Schriftstellers idealtypisch zu repräsentieren und sich, den Schauspieler, fast völlig vergessen zu machen. Jetzt, da sich der Darsteller, der seltene Typ eines deutschen Gentleman, mit seiner Erzählung Hannah gleich zweifach als Schriftsteller vorstellt – denn der Autor Mueller-Stahl schiebt über weite Strecken einen erfolgreichen Literaten mit dem Vornamen Hermann vor –, begegnen wir desto deutlicher dem Bühnenvirtuosen und Filmstar. Armin Mueller-Stahl hat für sein Buch gewissermaßen Maske gemacht, sich in eine bedeutende Rolle geworfen und ordnet gleich zu Beginn die Suite eines rheinischen Luxushotels für einen großen Auftritt. "Ich blickte mich in der Suite 101 um: Wo wird Arnold sitzen und wo ich? Arnold im Sessel vor dem Fenster und ich am Schreibtisch … Oder? Er am Schreibtisch und ich im Sessel? Nein, nein, besser ich am Schreibtisch und er am Fenster…" Dramatik will inszeniert sein.

Denn zwei alte Herren treffen sich zu einer Aussprache, zu einem Showdown der Erinnerungen und Lebenslügen, der aggressiven Beichte. Mueller-Stahl spielt nicht nur mit Sitzordnungen und Blickrichtungen, er spielt auch mit dem Feuer, mit fremdem Feuer: Mit Sándor Márais Glut, dem unheimlich intensiven Lebensduell zweier einander verstrickter Existenzen. Hier wie dort die gleiche Konstellation, doch nur als äußerliche Analogie. Wo der ungarische Autor die Erinnerungsbrisanz wie einen langsamen, gefährlich glühenden Lavastrom freisetzt, gibt es beim deutschen vor allem den Redefluss.

Während auf hundertzwanzig Seiten wirklich alles gesagt wird, vom inszenierten Ehebruch bis zur Krebserkrankung, vom Kosovo-Krieg bis zum Rechtsradikalismus, während Thomas Mann durch einen alten Schullehrer, "Dr. Aschenbach", grüßen lässt, während allerlei marokkanische Reiseabenteuer beschworen werden, hören die beiden Herren im eleganten Hotelzimmer fast unentwegt Geigenmusik, hören die junge Virtuosin Hannah spielen; hören sie andächtig, aber doch eben nur mit halbem Ohr, weil doch alles gesagt werden muss und immerzu alles gesagt wird, auch darüber, wie unvergleichlich sie spielt und wie sehr man es geliebt habe, das Wunderkind.

Zum Beispiel so: "Ich sah auf Hannahs glänzendes Haar, der zarte Flaum, der den schlanken Hals hinunterlief, und ich stellte mir vor," – nein, nicht ihren Rücken, ihren Körper – "was Hannah beim Anblick dieser kargen Natur denken mochte. Wie viele Gedanken mag sie übrig haben, um die Eindrücke eines neuen Kontinents zu verarbeiten?"

Denn wer schweigt, hat in diesem Buch keine Chance. Aus der "Vereinbarung eines wortlosen Bundes" (eine zentrale Wendung Sándor Márais, die sogar zitiert wird) hat Mueller-Stahl ein Fest der Redseligkeit gemacht. Schade, ich hätte ihm den Thomas Mann gern weiter geglaubt.