Buch für Buch wird es ergiebiger, ihn zu besprechen, als ihn zu lesen. Viktor Pelewin, der Prototyp des neurussischen Schriftstellers, spaltet die russische Literatur wie sonst nur Bush die Veruneinigten Staa-ten. Pelewins Rezept ist weniger ein literarisches als ein marketingstrategisches. Es besteht darin, so gekonnt schnoddrig zu schreiben, dass man zwischen den Zeilen doch noch etwas Literatur und nicht nur Pulp vermuten darf, so "pseudo" zu sein, dass man ihn mit the real thing (wie er es sagen würde) verwechseln darf, so tiefmythisch zu raunen, dass man sich dabei ertappt, etwa den manischen Einsatz von Pokémons in seinem neuen Buch schon wieder cool zu finden, obwohl die doch so was von out sind, wie einem jede Elfeinhalbjährige bestätigen kann. Das Pelewin-Beschimpfen erreichte bereits 1997 einen Höhepunkt – und ließ seine Auflagen in die Hunderttausende hochschnellen –, als die russische Booker-Jury seinen Roman Buddhas kleiner Finger (1996) als "zu gefährlich" einstufte. Werke wie dieses, hieß es in der Begründung, zerstörten das kulturelle Gedächtnis. Was mehr kann sich die Verlagsmarketingabteilung wünschen?

Was sich zumindest das Lektorat hätte wünschen können, wäre ein guter Roman gewesen. Oder, im Falle der deutschen "Pelewin-Zelle" Luchterhand, überhaupt einen Roman. Das Werk Die Dialektik der Übergangsperiode von Nirgendwoher nach Nirgendwohin ist jedoch ebenso sperrig wie sein Titel, während die Genrebezeichnung Etikettenschwindel ist. Wer nicht in der Lage ist, das russische Original wenigstens virtuell zu Gesicht zu bekommen, befindet sich auf einem Literaturtrip, bei dem alles Kiffen (von dem es bei Pelewin immer ausreichend gibt) nichts hilft. Die deutsche Ausgabe weist sich im Untertitel als ein Sammelband des Autors aus, was immerhin als Hinweis gelten darf, dass es sich hier nicht um ein Haupt-, sondern um ein Verlegenheitswerk handelt – immerhin sind seit seinem Erfolgsroman Generation P vier Jahre vergangen.

Mit diesem Wissen geht man besser vorbereitet an diese krude Textsammlung: Was uns hier auf Deutsch vorliegt, ist eben nicht ein Roman, sondern ein Gedicht, ein (unausgegorener) Roman, eine Novelle und zwei Erzählungen (in Russland spukt eine Alternativausgabe mit zwei weiteren Erzählungen herum). Das Gedicht ist "eine Elegie / so wie die von Wwedenski die", die den Avantgarde-Schriftsteller anruft, Pate zu stehen. "Dem Gör hilft Gore", frohlockt unser pubertierender Freizeitdichter – Pelewin ist zur Hauptsache Prosaschriftsteller –, als Anspielung auf die Bezeichnung girlie men für die US-Republikaner Schwarzeneggers, den er bereits in Buddhas kleiner Finger in einer Halluzinationssequenz auftreten ließ, und "im Busch hockt Bush", als sei es mit dieser Erkenntnis nicht schon zu spät. Das reimt sich dann auf Hindukusch und Tusch.

Theorien sind gut, Erzählungen wären besser

So gestählt, kann einem eigentlich nicht mehr viel passieren. Es folgt der Löwenanteil, der tatsächlich ein Roman ist, und zwar ein – provokant? – herkömmlicher. Die Zahlen erzählt, wie bei Pelewin üblich, eine einfach gestrickte Entwicklungsgeschichte, ganz ähnlich wie die großartige Novelle Omon hinterm Mond, die von einem Kosmonauten handelt, der es nicht auf den Mond, sondern nur in ein Filmstudio unter dem KGB-Gebäude geschafft hat. Hier geht es um Stepan Michailow, einen Bank- und Zahlenmenschen. Von Anfang an raunt es mysteriös in Die Zahlen. Alles hängt von den Zahlen ab, überall, sobald sich eine Gabel mit einem Messer, aber auch Stepan mit seiner Geliebten Meowth verrenkt, lassen sie sich erkennen. Sie sind es, die den Handlungsfortgang bestimmen. So zumindest möchte es einen Pelewin glauben machen. Doch gerade darin scheitert der Roman, denn Pelewin verfügt nicht über die schriftstellerische Kraft, seine Theorien in eine Erzählung umzusetzen. Einen Pappkameraden nach dem anderen lässt er auftreten, um die Handlung – sofern es überhaupt zu einer kommt – zu erläutern.

Die Handlung ist so simpel wie salopp heruntergespult. Stepan gründet seine "Pocket Bank" – eine Bank, die groß genug ist, um den Besitzer zum steinreichen Neurussen zu machen, aber klein genug, um sich in den Schutz einer Großbank zu begeben. Er lernt Meowth kennen, die, selbst nach einem Pokémon benannt, ihm den Pokémon-Ehrennamen Pikachu verleiht. "Pocket Monster" also regieren die Pocket Bank, während die großen Monster von der Regierung, dem Geheimdienst und den Großbanken die finanzterroristischen Fäden ziehen. Die ganze öde Handlungssoße ist, gewürzt mit Sex und Mord, so fad angerichtet, dass man sich nicht daran stört, wenn Stepan auf der vorletzten Seite des Romans beschließt, dem Durcheinander durch Flucht zu entkommen. "Ergrünen kann man besser im Exil", murmelt Pikachu, als habe er die Eingangselegie geschrieben, sichtet noch ein paar bedeutsame Zahlen und macht sich aus dem russischen Staub auf ins westliche Kapitalismusparadies. Weg ist er!

Der Leser, den Pelewins süffige Ihr-könnt-mich-mal-Schreibe bis hierher geschwemmt hat und der nicht weiß, dass dieser abgebrochene Roman hier eigentlich zu Ende ist, fragt sich natürlich, was das "nächste Kapitel", Die mazedonische Kritik der französischen Philosophie, mit dem westlichen Schicksal Stepans zu tun hat. Ein eindeutig durchgeknallter "typischer neuer Russe" – noch einer – will beweisen, dass ein Stachanow-Arbeiter in einer Flasche Dom Pérignon weiterlebt, indem er sämtliche namhaften französischen Dekonstruktivisten ein für allemal dekonstruiert. Es folgen die Parodie des Modediskurses (Ein Vogue), der Monolog einer japanischen Porno-Homepage (Akiko) und das Gespräch sieben Verstorbener mit "dem Lichtwesen" (Focus-Group). Über Stepan kein Wort mehr. Immerhin werden Stepans "Sunbank" und Meowth erwähnt. Immerhin leidet einer der Neurussen an einem leichten Fall von Zahlenmanie. Selbst schuld, wer sich beklagt. Der Roman verspricht die Dialektik der Übergangsperiode von Nirgendwoher nach Nirgendwohin. Wir sind angekommen. Zumindest der Titel ist kein Etikettenschwindel.

Schon springen die Pelewinologen mit Tusch aus dem Busch im Hindukusch: Des Meisters Prosa funktioniere eben nach dem Prinzip der vzaimoneponimanie, wie es der Schriftsteller Kyrill Worobjow formuliert, des "Sich-gegenseitig-nicht-Verstehens". Ein irrationales Prinzip – die Zahlen in Die Zahlen, die Halluzinationen in Buddhas kleiner Finger, die Marketing-Virtualität in Generation P –, keine herkömmliche narrative Logik sorge für den Erzählfluss. Das alles könnte man ja goutieren. Bleibt nur das Problem, dass die neuere Pelewinsche Literatur sämtliche Standards gelungener Literatur offenbar mutwillig außer Kraft setzt. Man darf davon ausgehen, dass Pelewin nicht besser schreiben will; dass er es kann, wissen wir von seinem frühen Meisterwerk Das Leben der Insekten .