Friedl Benedikt, eine Tochter Ernst Martin Benedikts, des ehemaligen Herausgebers der Neuen Freien Presse in Wien, starb 1953, nur 37 Jahre alt, in Paris. Unter dem Schriftstellernamen Anna Sebastian erschienen von ihr im Londoner Exil zwischen 1944 und 1950 drei Romane. Der EditionMemoria von Thomas B. Schumann, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, längst vergriffene oder nie veröffentlichte Exilliteratur aus der Nazizeit vor der Vergessenheit zu bewahren, ist es zu verdanken, dass nun eines dieser ursprünglich in Englisch verfassten Werke – The Monster – in deutscher Übersetzung vorliegt: Ein in schwarzem Humor gehaltenes Buch (mehr schwarz als Humor). Bücher haben bekanntlich ihre Schicksale: Der von einer gebürtigen Wienerin 1944 auf Englisch veröffentlichte, von der damaligen Kritik sehr gelobte Roman erlebte Übersetzungen ins Französische und Schwedische, bevor er jetzt, 60 Jahre nach seinem Erscheinen, auch in Deutsch vorliegt.

Die begabte Autorin war mit Elias Canetti eng liiert, als dessen Schülerin sie sich betrachtete. Wobei allerdings dahingestellt bleibt, wieweit ein Mann wie Canetti überhaupt "Schüler" oder gar "Schülerinnen" haben konnte. Um dem Werk der damals 28-Jährigen Verständnis entgegenzubringen, muss man sich in die Epoche zurückversetzen, in der es entstanden ist. Ein Jahr bevor Orwells Satire Animal Farm die englische Zensur überwand, zu einem Zeitpunkt, als Franz Kafka noch als Geheimtipp der literarisch Eingeweihten galt, und ganze acht Jahre vor der Uraufführung von Becketts Warten auf Godot (um solchermaßen die geistige Verwandtschaft Anna Sebastians anzudeuten), gemahnen die grotesken Rache- und Allmachtsfantasien des von der Gesellschaft erniedrigten Vertreters Mr. Crisp, der von Haus zu Haus pilgert, um Staubsauger zu verkaufen, an die – leider verwirklichte – Megalomanie eines Postkartenmalers namens Hitler.

Aber das Buch zieht keine Bilanz, erteilt keine moralisierenden Lehren, auch wenn in ihm die Mechanismen der Manipulation und Konditionierung des Menschen auf bizarre Weise entlarvt werden. Der realistische Detailbericht des ersten Teils steigert sich nach und nach ins Surrealistische. Denn hinter der Erscheinung der "normalen" Spießbürger, denen der Haus-zu-Haus-Verkäufer seine Staubsauger mit dürftigem Erfolg anpreist, lauert der Wahnsinn. Die mit absurden Stereotypen beladenen Gespräche der dargestellten Menschen, jeder in seiner eigenen Welt eingekapselt, gleichen autistischen Monologen.

Jonathan Crisp verstrickt sich zunächst in einseitige Diskussionen mit seinem "Monster", wie er seinen Modellstaubsauger nennt. Später verhandelt er mit Gott selbst: "Er wartete ein paar Minuten, um Gott Zeit zu seinem Erscheinen zu geben. Er zweifelte nicht mehr daran, dass Gott jetzt kommen würde… Sie würden als Freunde auseinander gehen… Vielleicht würden sie einen Vertrag schließen. Jonathan hatte Papier und Stift mitgebracht. Gott würde sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen… Langsam drehte Jonathan sich um. Gott war nicht erschienen." Was ihn nicht daran hindert, den Kampf mit ihm aufzunehmen: "Er ist mächtig, aber ich werde auch mächtig sein. Höre Gott, du hast ein Heer von Engeln, aber ich werde ein Heer von Teufeln haben. Deine Engel mögen stark sein, aber meine Teufel sind stärker, und ich werde Macht über sie haben."

Auf unheimliche Weise bläht er sich immer mehr auf, macht sich seine Umwelt untertan, hält sich schließlich für allmächtig und bringt es fertig, dass ihn seine Mitmenschen anbeten: "Kate kam hereingeschlichen. "Knie nieder und bete zu deinem Gott!" befahl Mr. Crisp.Kate warf sich mit einem Schrei des Entzückens vor ihm auf den Boden." Mit dieser Szene endet das Buch, das in seiner Eindringlichkeit auch heute noch verstörend auf seine Leser wirkt.

Ein Nachwort Susanne Ovadias, einer Schwester der Autorin, ergänzt diesen bedeutsamen literarischen Fund.