War es die böse Stiefmutter Divi-bai, von der es hieß, sie habe als Fünfjährige ihre Zwillingsschwester den Krokodilen zum Fraß vorgeworfen, nur weil die ihr die Malkreide geklaut hatte? Oder war es das verwunschene Haus Dariya Mahal, das mit seinen Bewohnern in drohendem Ton zu sprechen pflegte? Oder war es einfach nur Kismet – Schicksal, das dafür verantwortlich war, dass alles so kam, wie es kommen musste?

Niemand vermag es zu sagen. Anuradha freilich glaubt an Schicksal, einfach weil das tröstlich ist. Anuradha, diese wunderschöne Frau, deren Gesang sogar den Mond hinter den Wolken hervorzulocken pflegte. Als 21-Jährige hat man sie nach Bombay geschickt, weil sie einen Mann heiraten soll, den sie noch nie vorher gesehen hat. So ist das in Indien. Doch schon bei ihrer Abfahrt ereignet sich Merkwürdiges: Es versammeln sich Dutzende von Pfauen auf den Akazien am Bahnhof, um ihr Lebewohl zu singen. Es war übrigens das letzte Mal, dass sie sangen. Später blieben sie beklemmend still. Da hatte das Schicksal schon zugeschlagen. Denn wie hatte Anuradhas Mutter ihr mit auf den Weg gegeben: "Dieses Leben, mein Liebling, kennt keine Gnade."

Zunächst hatte sich alles gut angelassen, es war fast wie im Märchen. Der fremde Mann, mit dem Anuradha verheiratet wurde, entpuppte sich als einfühlsam, warmherzig und witzig. Es begann eine tiefe Liebe. Im Haus der Großfamilie suchten sie ihre Nischen, tanzten heimlich Walzer, das war der neuste Schrei im Indien der zwanziger Jahre, in denen der Roman angeblich spielt, und sie schmiedeten Pläne, wie sie der bösen Divi-bai und ihrem schrecklichen Papagei entkommen könnten. Bis ihr kleiner Sohn, ein wahres Wunderkind, tödlich verunglückt. Das ist die Zäsur. Von da an bestimmt bittersüße Melancholie die Geschichte von Anuradha, ihrem Mann, dem Arzt, und ihrem zweitgeborenen Sohn, der bis zu seinem siebten Lebensjahr nicht sprechen mag, und das verwunschene Haus Dariya Mahal, das Schlösschen am Strand von Juhu, in das sie einziehen, birgt nichts anderes als Unheil.

Daneben steht, mit hartem Schnitt ganz wie in einem Hollywood-Film, die Exotik: Da gibt es eine Tante, die mit ihren Liedern einen Palast versetzt, damit die Prinzessin sich länger der Abenddämmerung erfreuen kann, da ist ein Mädchen, das über das Wasser wandeln kann: Nandini, der Gegenpol zu Anuradha, eine hoch begabte, exzentrische und wilde Person,die sich sexbesessen mit allem und jedem paart, sogar mit einem Panther.

Schrille Töne einerseits, zauberhafte Poesie andererseits

Der unberechenbaren Zerstörerin Nandini und ihren provokanten Posen gilt offensichtlich die Sympathie des Autors Siddarth Dhanvant Shanghvi, so sehr, dass er nicht wahrzunehmen scheint, wie der schrille Ton Nandinis die zauberhafte Poesie Anuradhas fast zum Verstummen bringt. Oder doch?

Ein genauerer Blick auf den Autor offenbart, dass das wohl gewollt ist. 26 Jahre alt ist er, ein Kind reicher Eltern, der in Europa und Amerika gelebt und studiert hat, zwei Master besitzt und doch keinen richtigen Beruf, er hilft mal hier aus, mal da, treibt sich herum mit Hippies und kalifornischen Sonnenkindern. Geschichten erzählen, das könne er wie kaum ein anderer, hat man ihm immer wieder nachgesagt.

Aber Shanghvi will die Geschichten nicht so erzählen wie all die anderen indischen Autoren, die seit geraumer Zeit mit dem Verkauf von Indischem das große Geld machen. Shanghvi will hip sein, will schockieren, will karikieren. Das wirkt irritierend und faszinierend zugleich. Shanghvi haut dabei mächtig auf die exotische Pauke. Das allein garantiert schon Auflage. Aber er hat auch mächtig Talent. Seine erste Lektorin freilich gab ihm seinerzeit das Manuskript zurück, zum Überarbeiten. Schade, dass er sich nicht daran gehalten hat. Hätte er die Hälfte der zehntausend Metaphern gestrichen, die vor allem den ersten Teil seines Buches verwüsten, dann wäre das Debüt furios gewesen. Lesenswert ist es jedoch allemal.