Gerade mal ein einziger Roman hatte genügt, um den seinerzeit 26-jährigen Alex Garland als größte Autorenhoffnung Großbritanniens erscheinen zu lassen. Denn dieser 1996 in London erschienene Debütroman The Beach hatte alles, was sich im großen Stil vermarkten ließ: einen Stoff, der ebenso an Robert Louis Stevenson wie an Joseph Conrad denken ließ, und einen Autor, dessen Öffentlichkeitsscheu ihm die Aura eines introvertierten Junggenies verlieh. Als zudem der Titanic-Star Leonardo DiCaprio 2000 in die Filmrolle des Rucksacktouristen Richard schlüpfte, war der anhaltende Erfolg des Romans gesichert. Das Buch hievte seinen Autor in die Beletage der britischen Gegenwartsliteratur, und der 1970 in London geborene Garland sah sich Vergleichen mit William Golding und Patrick Leigh Fermor ausgesetzt. "Vor allem erwartete alle Welt", erinnert sich der Brite im Gespräch, "dass das zweite Buch ein ebensolcher Erfolg würde. Da realisierte ich, in welche Falle ich geraten war."

Dennoch legte Garland nicht einmal zwei Jahre später den Roman Manila vor, der sich wie eine schwächere Kopie des ersten las. Denn wieder kämpfte sich ein junger Rucksacktourist durch die exotischen Gefahren Thailands, und wieder mischte der Stoff Elemente aus Abenteuer- und Kriminalliteratur. "Zum Glück hatte ich den Roman bereits unmittelbar nach Beendigung des ersten begonnen", erinnert sich Garland. "Anderenfalls hätte ich ihn wohl nicht mehr zustande gebracht. Denn das erste halbe Jahr nach dem Erscheinen von The Beach war die Hölle." Danach kündigte Garland kurzerhand Verträge mit einer ganzen Reihe ausländischer Verlage und zahlte die zum Teil üppigen Vorschusssummen, die er für das dritte, noch ungeschriebene Buch erhalten hatte, zurück. Zudem versuchte er sich als Drehbuchautor. Er lieferte die Vorlage zu Danny Boyles Streifen 28 days later, eine gespenstische Vision eines verseuchten, scheinbar entvölkerten England, in dem eine Hand voll Personen ums Überleben und die letzten menschlichen Werte ringt. Die von Boyle in klaustrophobische Bilder übersetzte Geschichte des jungen Fahrradkuriers Jim, der nach einem Autounfall im Krankenhaus aus dem Koma erwacht und ebenso verwirrt wie erfolglos Anschluss an sein altes Leben zu finden sucht, ließ Garland nicht mehr los. Bis er sich vor gut zwei Jahren entschloss, das Thema noch einmal aufzunehmen – und seinen dritten Roman Das Koma zu schreiben.

Ein Buch, dessen Geburt jedoch von Beginn an unter keinem guten Stern zu stehen schien. Denn nach Maßgabe seines Schöpfers sollte es ein persönlicher Befreiungsschlag sein und ein literarischer Substanznachweis. Doch die englischen Kritiker rümpften die Nase. Als zu verrätselt und kafkaesk taten sie das Buch enttäuscht ab, Garland selbst sah sich jedoch zumindest teilweise am Ziel. "Damit war ich zumindest diesen Star-Bonus los, der mich am Ende bloß noch lähmte."

Alex Garlands Roman Das Koma ist ein leises, zurückgenommenes Buch. Es erzählt die Geschichte eines Bewusstseinsverlusts am Beispiel des jungen Büroangestellten Carl, der in einer Untergrundbahn einer jungen Frau, die von einer Gruppe Männer belästigt wird, zu Hilfe kommt, niedergeschlagen und dabei so schwer verletzt wird, dass er ins Koma fällt.

"Ich wollte versuchen, all den äußeren Aktionismus meiner früheren Bücher zu bündeln und ins Innere zu verlegen", erklärt Garland. Als Carl nach tagelanger tiefer Bewusstlosigkeit erwacht und nach Hause entlassen wird, erlebt er die Welt abweisend und imaginär: seine Freunde und das eigene Elternhaus, durch das er sich gehen sieht wie durch eine verseuchte Zone. "Was ist, wenn es eine Hirnverletzung ist?", fragt er sich einmal. In immer neuen Sequenzen halluziniert Carl ein scheinbares Erwachen; doch sobald er sich diesem Eindruck zu überlassen beginnt, findet er sich nur noch tiefer hineingestoßen in die Reise durch sein eigenes Bewusstsein, die er verzweifelt, aber vergeblich zu steuern versucht. Und auch der Leser tastet sich wie über Nebelgrund durch diesen Text, der zuletzt gar die Idee eines verdrängten Suizids aufwirft.

Die kühle, ganz und gar zurückgenommene Beschreibung einer immer neu anschwellenden Panik und die Art und Weise, wie selbst leiseste Regungen der Physis und der Psyche registriert werden, verleihen diesem kleinen Roman eine unheimliche Spannung.