Eamus, sagen Sie, wenn Sie eine Stadtführung in Tübingen beginnen. Was heißt das denn?

Das ist das lateinische let's go: Lasst uns losgehen.

Sie reden während der ganzen Zeit nur Latein. Will das in Zeiten, in denen man sich selbst im Vatikan nur noch in den modernen Sprachen verständigt, noch jemand hören? Vor allem: Versteht das noch jemand?

Ich habe ständig Anfragen für diese Stadtspaziergänge. Wenn die Universität internationale Kongresse ausrichtet, werden die Führungen gerne für das Zusatzprogramm gebucht. Außerdem kommen viele Lateinklassen, aber auch Gruppen ehemaliger Studenten. Meistens ältere Semester, die Latein noch intensiv gelernt haben, noch richtig fit sind in dieser Sprache. Da muss ich höllisch aufpassen, keine Fehler zu machen. Bei den Schülern beobachte ich dagegen, dass die Lateinkenntnisse von Jahr zu Jahr abnehmen, auch die Geduld, sich ins Lateinische hineinzuhören. Früher habe ich noch längere Sätze bilden können. Meine Führungen sind so auch ein Fenster zum Zeitgeist.

Ich merke, wohin der Weg geht.

Mit Cäsar kommen Sie den Kids dann aber nicht.

Na ja, ich versuche schon, an klassische Zitate anzuknüpfen. Den Beginn von Cäsars Gallischem Krieg wandle ich dann so um: Tübingen im Ganzen ist aufgeteilt in drei Bezirke. Dabei baue ich je nach Situation durchaus auch modernere Begriffe - teils auch selbst erfundene - ein: Eine machina signifera ist dann die Ampel, ein Handy ein telefon portabile, der Kühlschrank vom Straßenimbiss die cista frigidaria. Da bekommen die Gäste auch mal Lust, Latein zu reden. Neulich hat mich eine hungrige Schülerin gefragt: Ubi est McDonald's? Was beweist: Lingua Latina est lingua non mortua, sed viva - Latein ist keine tote, sondern eine quicklebendige Sprache. Ich will für Latein motivieren.