Latein ist kinderleicht

Eamus, sagen Sie, wenn Sie eine Stadtführung in Tübingen beginnen. Was heißt das denn?

Das ist das lateinische let's go: Lasst uns losgehen.

Sie reden während der ganzen Zeit nur Latein. Will das in Zeiten, in denen man sich selbst im Vatikan nur noch in den modernen Sprachen verständigt, noch jemand hören? Vor allem: Versteht das noch jemand?

Ich habe ständig Anfragen für diese Stadtspaziergänge. Wenn die Universität internationale Kongresse ausrichtet, werden die Führungen gerne für das Zusatzprogramm gebucht. Außerdem kommen viele Lateinklassen, aber auch Gruppen ehemaliger Studenten. Meistens ältere Semester, die Latein noch intensiv gelernt haben, noch richtig fit sind in dieser Sprache. Da muss ich höllisch aufpassen, keine Fehler zu machen. Bei den Schülern beobachte ich dagegen, dass die Lateinkenntnisse von Jahr zu Jahr abnehmen, auch die Geduld, sich ins Lateinische hineinzuhören. Früher habe ich noch längere Sätze bilden können. Meine Führungen sind so auch ein Fenster zum Zeitgeist.

Ich merke, wohin der Weg geht.

Mit Cäsar kommen Sie den Kids dann aber nicht.

Na ja, ich versuche schon, an klassische Zitate anzuknüpfen. Den Beginn von Cäsars Gallischem Krieg wandle ich dann so um: Tübingen im Ganzen ist aufgeteilt in drei Bezirke. Dabei baue ich je nach Situation durchaus auch modernere Begriffe - teils auch selbst erfundene - ein: Eine machina signifera ist dann die Ampel, ein Handy ein telefon portabile, der Kühlschrank vom Straßenimbiss die cista frigidaria. Da bekommen die Gäste auch mal Lust, Latein zu reden. Neulich hat mich eine hungrige Schülerin gefragt: Ubi est McDonald's? Was beweist: Lingua Latina est lingua non mortua, sed viva - Latein ist keine tote, sondern eine quicklebendige Sprache. Ich will für Latein motivieren.

Latein ist kinderleicht

Obwohl Ihnen als Japaner Latein ja völlig fremd sein muss.

Was die Beziehungen zwischen den Sprachen angeht, natürlich. Aber vom Wesen her gibt es viel Gemeinsames. Latein verkörpert die Tradition dieses Kontinents. Und da wir Japaner nach wie vor ein recht wachsames Gespür für Tradition haben, ist Latein eine Brücke zwischen Japan und Europa. Manches findet auch in der Weltanschauung des japanischen Shintoismus seine Entsprechung. Außerdem: Ich habe eine Zeit lang an der Hochschule Stuttgart Japanisch unterrichtet - in den Kursen konnten sich die Studenten mit gewissen Lateinkenntnissen besser in das den Europäern fremd anmutende japanische Denken hineinversetzen.

Wie sind Sie mit Latein in Kontakt gekommen?

Meine Mutter hat als Chorleiterin sehr viele traditionelle Texte aus dem Abendland an der Universität von Kobe einstudiert - in meiner Umgebung erklang also von jeher recht viel Latein, sodass mich schon als Kind der wunderbare Klang dieser Sprache fasziniert hat: sehr vokalreich, sehr cantabile, intellektuelle Eleganz ausstrahlend. Ich lege übrigens bei meinen Führungen großen Wert auf eine entsprechende Modulation. Mein Vater ist Professor für Theoretische Physik und hat auch am Kernforschungszentrum Jülich gearbeitet.

So bin ich für eine kurze Zeit auf ein deutsches Gymnasium gekommen, ein altsprachliches.

Keine Probleme mit Latein?

Nein, ich fand es leichter als Englisch. Latein ist hervorragend geeignet, Multikulti-Fähigkeiten zu entwickeln. Wir wollen heute doch alles so schnell wie möglich machen, und Latein ermöglicht den kürzesten Weg zur - vielleicht wieder notwendig gewordenen - Bildung des Abendlandes.

Latein ist kinderleicht

Ist das auch Thema Ihrer Führungen?

Ja, ich erzähle vieles aus der Zeit, in der das Latein noch kultiviert wurde.

Von den Reformatoren, den Fürsten, den Anfängen der Universität. Deshalb ist Tübingen auch so einzigartig geeignet für lateinische Stadtführungen. In Berlin oder Düsseldorf könnte man das nicht machen.

INTERVIEW: WOLFGANG ALBERS