Der Kardiologieprofessor Jay Cohn von der University of Minnesota gilt in Fachkreisen nicht als Rassist. Im Gegenteil, er hat beste Kontakte zur Association of Black Cardiologists. Und nicht nur das, sie unterstützte ihn, während er daran arbeitete, das erste ethnische Medikament in der Geschichte der Medizin auf den Markt zu bringen. Allerdings hat das Herzmedikament BiDil, das vor allem bei Schwarzen wirken soll, einen Schönheitsfehler: Die biologische Begründung für die ethnische Wunderpille ist rassistisch.

BiDil soll Patienten mit Herzmuskelschwäche helfen. Das Kombinationspräparat besteht aus den Arzneimitteln Hydralazin und Isosorbid Dinitrat, welche die Blutgefäße weiten und auf diese Weise das Herz entlasten. Es soll, so Professor Cohn, bei Afroamerikanern besonders wirksam sein, da sie unter einer genetisch bedingten Funktionsstörung des Herzens litten. Ein Mitstreiter von Cohn, Clyde Yancy von der University of Texas, meint, Herzversagen bei Schwarzen sei "eine andere Krankheit" als bei Weißen.

Eine Veröffentlichung in der neuesten Ausgabe des New England Journal of Medicine scheint den beiden Recht zu geben. So überragend gut verlief die BiDil-Therapie von 518 herzkranken Menschen, "die sich selbst als Schwarze bezeichnen", dass die Studie im August vorzeitig abgebrochen wurde, damit auch die Kontrollgruppe in den Genuss des Medikaments kommen konnte. Die Ärzte aber hatten erst gar keine weißen Patienten getestet, und weder Yancy noch Cohn konnten konkrete genetische Merkmale nennen, die Schwarze besonders empfänglich für die BiDil machen würden.

Cohn zog alle Register auf der Suche nach einem Markt für seine Pille

Cohn ist ein Kämpfertyp. Einer von der Sorte, die nicht aufgibt, wenn alles verloren scheint. Denn sonst wäre die Herzpille BiDil schon längst in die Geschichte der medizinischen Fehlversuche eingegangen. Auf der Suche nach einem Einsatzgebiet für seine Innovation zog Jay Cohn alle Register. Erst widmete er seine Pille unterschiedslos allen Menschen mit Herzmuskelschwäche. Dann ließ er sie erfolglos gegen Konkurrenzprodukte antreten. Schließlich fand er seine passende Zielgruppe in den Afroamerikanern.

Schon in den achtziger Jahren hatte Cohn versucht, BiDil auf dem Markt zu platzieren. Der so genannte Vasodilator-Herzversagens-Versuch (V-HeFT I), der von 1980 bis 1985 dauerte, beschied ihm jedoch keinen Erfolg. Damals ließ er nicht nur eine bestimmte ethnische Gruppe testen. Die Wirkstoffkombination sollte die Überlebenschancen und die Lebensqualität aller Herzpatienten mit drohendem Herzversagen erhöhen. BiDils Effekt auf das Überleben der Betroffenen aber war statistisch unbedeutend. Trotzdem ließ Cohn sich sein Kombinationspräparat 1989 vorsorglich patentieren.

Unverdrossen startete Cohn eine neue Versuchsreihe. Im V-HeFT-II-Versuch ließ er die Wirksamkeit von BiDil mit einem ACE-Hemmer vergleichen. ACE-Hemmer senken bei den meisten Menschen wirksam den Blutdruck und entlasten dadurch das Herz. Bei einigen Patienten aber funktioniert dieser Mechanismus nicht. Etwa 20 bis 30 Prozent der getesteten Personen sprechen nicht auf den ACE-Hemmer an oder haben gravierende Probleme mit den Nebenwirkungen. Jay Cohn witterte eine Marktlücke, pries BiDil erfolgreich als Alternative zum ACE an und verkaufte die Vermarktungsrechte seines Patents 1995 an die Bio-Tech-Schmiede Medco Research in North Carolina.

Die Manager von Medco sahen für BiDil einen Nischenmarkt. Aber ihre Rechnung ging nicht auf. Im Februar 1997 lehnte die amerikanische Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) den Antrag auf die Zulassung von BiDil ab. Begründung: Im ersten Versuch sei "kein statistisch signifikanter Effekt bezüglich der Sterberate" erzielt worden. Die Konkurrenten, die ACE-Hemmer, machten das Rennen und wurden die Grundlage der Therapie bei Herzmuskelschwäche. Cohns Vision von einem wirksamen Mittel gegen Herzversagen war dem Ende nahe.