Es ist einer der letzten warmen Herbsttage, der Ölpreis steigt, und bei Opel in Bochum spielen sie Fußball. Die Arbeit ruht, die Arbeiter streiken, der junge Peter Jaszczyk ist ihr Anführer. Ein großer, kräftiger Mann, 30 Jahre alt, lange Haare, überzeugter Kommunist. Angesichts des teuren Benzins fordert er mehr Lohn für sich und die Kollegen. Er weiß um ihre Stärke. In Bochum bauen sie die Achsen für Werke in halb Europa. Jetzt stockt überall die Produktion. Dem Management bleibt keine Wahl. Sie erhöhen die Löhne der Opel-Arbeiter. Um 8,5 Prozent, plus außertariflicher Teuerungszulage.

So war das damals. Im Jahr 1973.

Es ist einer der letzten warmen Herbsttage, der Ölpreis steigt, und bei Opel in Bochum haben sie Angst. Die Arbeit ruht, die Arbeiter streiken. Drei Wochen ist das her. Diesmal stand ihnen nicht der Sinn nach Fußball. Diesmal fürchteten sie um ihre Jobs. Obwohl nach 40 Jahren bei Opel inzwischen im Vorruhestand, war auch Peter Jaszczyk wieder dabei. 61 ist er heute, Exbetriebsratschef, Exkommunist, die Haare sind jetzt kürzer. Er weiß um die Schwäche seiner Kollegen. Noch immer bauen sie in Bochum die Achsen für andere Werke, aber heute kursieren Gerüchte, das Management wolle die Fertigung nach Tschechien verlagern. Nach einer Woche beendeten die Arbeiter den Streik. Seitdem verhandeln Gewerkschaft und Betriebsrat mit dem Vorstand. In den nächsten Tagen werden sie sich einigen, dann werden traurige Zahlen über gestrichene Stellen und gesunkene Löhne in den Zeitungen stehen. "Die Kollegen, die heute die Gespräche führen, haben keine Chance mehr, etwas zu beeinflussen", sagt Peter Jaszczyk.

So ist das heute. Im Jahr 2004.

Für die Arbeitnehmer ist es ein Jahr der Niederlagen: Erst droht Siemens damit, die Produktion von Handys und Schnurlostelefonen aus Bocholt und Kamp-Lintfort nach Ungarn zu verschieben. Dann kündigt DaimlerChrysler an, die Mercedes C-Klasse künftig womöglich statt in Sindelfingen in Bremen und Südafrika zu bauen. Schließlich denkt VW für den Fall, dass die Personalkosten in den westdeutschen Werken nicht deutlich sinken, über 30000 Entlassungen nach.

Und die Belegschaft, der Betriebsrat, die IG Metall? Sie geben nach.

Ende Juni steht fest: Bei den Siemens-Telefonmonteuren wird wieder die 40-Stunden-Woche eingeführt, ohne Lohnausgleich. Ende Juli zeigt sich: Bei Mercedes verzichten die Mitarbeiter auf Pausenzeiten und schon vereinbarte Lohnerhöhungen. Anfang November ist klar: Bei VW gibt es zweieinhalb Jahre lang keine Lohnsteigerungen mehr, Überstunden werden nicht mehr bezahlt, Neueinsteiger verdienen künftig 20 Prozent weniger. Selbst mit der dafür eingehandelten Arbeitsplatzgarantie bis zum Jahr 2011 ist es nicht weit her. Sie kann laut "Revisionsklausel" im Falle von "wesentlichen Änderungen der Grundannahmen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen" mit Frist von drei Monaten gekündigt werden.