Gegen die machtlosen Malocher von VW oder Opel wirken sie wie Fürsten: besonders gesuchte Computerspezialisten, Fluglotsen, Lokführer oder promovierte Chemiker. Sie müssen sich nicht die Bedingungen diktieren lassen, zu denen sie arbeiten, sondern können in Vertragsverhandlungen selbst Macht ausüben – entweder als Einzelpersonen oder in Gewerkschaften organisiert. Damit Arbeitnehmer aber ihre Stärke ausspielen können, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein.

Eine Streikdrohung zum Beispiel hilft Gewerkschaften nur dann, wenn die Streikenden dem Arbeitgeber ohne großen Aufwand schaden können. "Wenn wir nur eine halbe Stunde streiken, bricht der ganze Bahn-Fahrplan zusammen", sagt Gerda Seibert von der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer. Damit können die Bahnbediensteten einen größeren Druck auf ihren Arbeitgeber ausüben als Fabrikarbeiter, die für eine halbe Stunde oder auch eine halbe Woche die Arbeit niederlegen – vor allem wenn die Fabrik nicht ausgelastet ist.

Nur Arbeitnehmer in einer Schlüsselstellung verfügen über solche Streikmacht. Davon profitieren auch die Piloten bei der Lufthansa und anderen Fluglinien. Bei ihnen kommen die nahezu identischen Interessen als zusätzlicher Erfolgsfaktor hinzu. "Wir haben den absoluten Zusammenhalt", sagt Thomas von Sturm, Präsident der Pilotengewerkschaft Cockpit.

Über eigene Machtlosigkeit gegenüber den Arbeitnehmern klagt gar die Deutsche Flugsicherung (DFS), die den Fluglotsen in Tarifauseinandersetzungen wenig entgegensetzen kann. Seit der Abspaltung von ver.di vor zwei Jahren sind die etwa 2000 deutschen Fluglotsen in der Gewerkschaft der Flugsicherung organisiert. "Sie sind absolute Spezialisten, ohne die nichts läuft", beschreibt DFS-Sprecher Ulrich Manz das Abhängigkeitsverhältnis. 160000 Euro steckt die DFS durchschnittlich in die Ausbildung eines Lotsen. Den lässt man dann nicht so leicht gehen, und schon das stärkt die Verhandlungposition der Fluglotsen.

Hohe Investitionen in den Arbeitnehmer bringen auch dann Vorteile, wenn dieser gar nicht gewerkschaftlich organisiert ist. "Wenn ein Mitarbeiter in eine teure SAP-Schulung geschickt wird, erhöht sich dadurch sein Marktwert, und er verbessert seine Verhandlungsposition", sagt Thomas Eichinger von der Personalberatung Vesterling Consulting. Auch Spezialisten, die sich mit Laser- oder Mikrosystemtechnik oder in der Nanotechnologie auskennen, haben aus dem gleichen Grund gute Karten.

Jedenfalls im Moment. Marktmacht besitzt ein Arbeitnehmer nur so lange, wie seine Fähigkeiten knapp sind und der Markt nach ihnen verlangt. Und das kann sich schnell ändern, wie Ingenieure im Auf und Ab ihres Arbeitsmarktes erfahren. Gerhard Kronisch, Geschäftsführer des Chemiker-Verbandes VAA, sieht derzeit für promovierte Chemiker gute Chancen bei Lohnverhandlungen. Aber wie lange das so bleibt, ist schwer zu sagen.

Ein weiterer Machtfaktor für Arbeitnehmer entsteht, wenn dem Unternehmen die Möglichkeit fehlt, seine Jobs auszulagern. "Die Verhandlungsposition wird umso schlechter, je mechanischer die Tätigkeiten sind", beschreibt Volker Müller vom IT-Verband Bitkom die Situation in seiner Branche. Während Software-Entwickler zur Sicherung von Computernetzen oder im Automobilbau nach wie vor gesucht seien, stünden einfache Programmierer unter starkem Konkurrenzdruck aus dem Ausland. Ihre Arbeiten können ohne großen Aufwand nach Indien verlagert werden.

Um Forderungen nach mehr Urlaub oder höheren Löhnen durchzusetzen, muss aufseiten des Arbeitgebers der nötige Spielraum vorhanden sein – also ein ausreichender Gewinn. Wo dieser fehlt, können auch die gesuchtesten Fachkräfte ihre Position nicht verbessern. So mangelt es überall in Deutschland an Fachärzten. Trotzdem steigen ihre Gehälter nicht. Denn im Gesundheitswesen setzt die Politik durch ihre Sparmaßnahmen einen engen Rahmen.