Die deutsch-deutschen Komödien waren für die neunziger Jahre das, was der Heimatfilm für die fünfziger war: Kuschelecken für die Verunsicherten, Proklamationen des demokratischen Rechtes auf Harmlosigkeit. Auch sie handelten sich den Vorwurf ein, durch Aussparen des Wesentlichen ihren Gegenstand zu verzerren. Nun hätte man durchaus den Selbstheilungskräften des Filmmarktes vertrauen können. Selbst der Heimatfilm hat sich ja schließlich vom Kitsch befreit. Es spricht für das öffentlich-rechtliche Fernsehen, dass ihm der Fortschritt von Go, Trabi, go bis Goodbye, Lenin! nicht schnell genug ging. 1998 schlossen der brandenburgische ORB und die ZDF-Redaktion Das kleine Fernsehspiel ein ungewöhnliches Ost-West-Bündnis. Sie gründeten eine Filmwerkstatt namens Ostwind. Die sollte bis 2002 zwölf Filme hervorbringen, welche erst im Kino, dann bei beiden eigentlich konkurrierenden Sendern liefen. Fördern wollte man "junge Talente", "originelle Projekte" und Geschichten aus dem "ganz normalen Leben" im Osten.

Der Betrüger war ein Spekulant aus dem Westen

Das Unternehmen begann vielversprechend mit Hannes Stöhrs Berlin is in Germany, der auf der Berlinale 2001 sogar einen Publikumspreis gewann. Doch bald erwies sich, dass trotz Vorbildern wie Andreas Dresen oder Andreas Kleinert der deutsche Osten nur wenige Nachwuchsfilmer interessiert. Darum wird jetzt erst die zweite von drei Staffeln ausgestrahlt.

Vergleicht man die vier Filme, fällt vor allem eins auf: wie sehr sich die Westproduktionen von denen des ORB-Nachfolgers RBB unterscheiden. NeuFundLand vom ZDF etwa beruht auf einer poetischen Idee, die leider mit Ostdeutschland wenig zu tun hat: Robert (Jochen Nickel) stellt Münzfernrohre auf, weil seine geliebte Frau vor ihrem Tod gesagt hat, Entdeckungen mache man nur durch das Beobachten unwichtig scheinender Dinge. Er tut das zufällig in Sachsen. Dabei trifft er Christiane (Anna Loos), die Passbildautomaten wartet, nebenbei aber einen Einbruch plant. Sie will sich das Geld zurückholen, um das sie einst betrogen wurde. Von wem, ist eigentlich belanglos. Aber damit der versprochene Ostwind aufkommt, erfahren wir es doch: Es war ein Spekulant aus dem Westen. Gut, dass Robert sich als Meister der Überwachung erweist. Schlecht, dass er Christiane verschweigt, warum er ihr hilft. Sie gleicht nämlich bis aufs Haar seiner verstorbenen Frau.

Solche Geschichten muss man flott angehen, damit der Zuschauer keine Zeit findet, die seltsamen Zufälle zu zählen. Doch trotz der Anleihen bei Vertigo und Amélie schleppt sich NeuFundLand träge dahin. Der Regisseur und Koautor Georg Maas teilt die Liebe seines Helden zu den unwichtig scheinenden Dingen. Er lässt seine Darsteller mit Vorliebe Auto fahren, beobachten oder einfach herumstehen. Innerer Monolog und Traumsequenzen in Zeitlupe kramen tief im Gefühlsleben des Helden. Wenn nicht alle paar Minuten der Deus ex Machina auf dem Handy anriefe, käme die Handlung überhaupt nicht voran. Natürlich muss in einer solchen Reihe auch Platz für Beschauliches sein. Aber über allem Betrachten des Betrachters rückt das aus dem Blick, was einen Beitrag der Ostwind-Reihe kennzeichnen sollte: der Osten.

Die Dokumentation Outlaws bestätigt den Eindruck, dass das ZDF Mühe hat, die eigenen Vorgaben zu erfüllen. Der Autor Rolf Teigler, Jahrgang 1957, ist kein junges Talent. Seine Arbeit mit der Theatergruppe einer thüringischen Jugendstrafanstalt ist kein originelles Projekt und der Alltag dort ganz gewiss nicht das normale Leben im Osten. Natürlich kann man in den Autoknackern und Dealern Wendeverlierer sehen. Aber darauf zielen Teiglers Fragen nicht. Ihm geht es nur um den Gegensatz von drinnen und draußen. Beide "West"-Produktionen eint, dass sie in verständlicher Schüchternheit ihren eigenen Blick auf die fremde Welt thematisieren. Umgekehrt versteht man die kühle Drastik der RBB-Filme am besten als Reaktion auf das Ansinnen, Eigenes preiszugeben. So will der Regisseur Norbert Baumgarten nach eigenem Bekunden nicht etwa aufklären, sondern "Vorurteile bestätigen". Seine Groteske Befreite Zone reiht höchst vergnüglich Klischee an Klischee. Die treuherzige junge Sylvia (Johanna Klante) erzählt darin, wie "wir hier im Osten" so leben. In ihrer Kleinstadt dreht sich alles um den erfolgreichen Amateurfußballverein (kompensierte Minderwertigkeitsgefühle!). Die Einheimischen bewerfen den schwarzen Neuzugang erst mit Bananen (Rassismus!), um ihn nach dem Aufstieg anzuhimmeln (Wendehälse!). Sylvia verliebt sich in ihn, während ihr Micha (Florian Lukas) mit ihrer besten Freundin schläft (entfesselte Sexualität!). Die ebenso notorische Neigung des Ostdeutschen zu Korruption, Verrat und Gewalt bestimmt den weiteren Handlungsgang.

Bitte schön, hier kommt die bestellte Gesellschaftskritik

Die Schauspieler illustrieren das Lehrstück mit brechtscher Künstlichkeit. Da gibt es zum Beispiel den Vietnamesen, der ewig an der gleichen Ecke steht, Zigaretten anbietet und lächelt. Dabei verkauft er nichts und bezieht nur Prügel. Aber was soll er tun? Er ist nun einmal der Vietnamese. Am Ende fällt der Vorhang. Er fällt in der Gestalt eines Bauschildes, das einsam im Brachland stand, beschriftet mit "Aufschwung Ost". Warum es fällt? Es trug zu schwer an der Last der tieferen Bedeutung. Es kippt vornüber auf den Zuschauer zu, wie um zu sagen: "Bitte schön, hier kommt die bestellte Gesellschaftskritik mit künstlerischen Mitteln." Bestellt war sie zumindest insofern, als der ORB den Stoff als exemplarisches Rührstück angelegt hatte, wie Norbert Baumgarten erzählt. Dass der Sender ebenso gern die Karikatur dieser Idee unterstützte, hat der Reihe ihren bislang lustigsten Film beschert.