Jens Bisky musste erst nach Polen reisen, um zu begreifen, dass in seinem Heimatland, der DDR, "nichts stimmte". Es war der Sommer 1985, Bisky hatte gerade die Abiturprüfungen hinter sich, als er während eines Jugendaustausches in Warschau eine junge Dolmetscherin traf, Ma¬gorzata. Eines Tages griff sie den Spross einer DDR-Elitefamilie und fuhr mit ihm zu der Kirche, in der Jerzy Popie¬uszko gepredigt hatte, der vom Geheimdienst ermordete oppositionelle Priester. "Rings um die Kirche hingen Solidarno™ƒ-Plakate, überall brannten Kerzen", schreibt Bisky. Menschen protestierten, still, ernst, feierlich. "Einen Schock dieser Intensität habe ich nie wieder erlebt." Und plötzlich merkte der Junge, wie unangebracht seine "snobistisch-marxistischen Floskeln" waren. "Was sollte ich Ma¬gorzata sagen? Dass im revolutionären Weltprozess das Ermorden von Priestern schon mal vorkommen kann?"

Jens Biskys Buch Geboren am 13. August ist eine zweifache Unabhängigkeitserklärung. Vordergründig handelt es davon, wie ein folgsames DDR-Kind sein Land zu hassen lernte. Unausgesprochen distanziert sich Bisky, Feuilletonredakteur der Süddeutschen Zeitung , ebenso von seinem Vater, dem Vorsitzenden der Ostalgiepartei PDS. Bisky seziert die DDR ohne die bebende Empörung vieler Stalinismusopfer – und damit nur noch treffender. Ein Dissident mag all die engstirnigen Funktionäre und beflissenen Büttel verachtet haben; für den jungen Bisky, der sich damals als einer der wahren Marxisten fühlte, waren sie persönliche Schmach. "Ich bin in dem Bewusstsein aufgewachsen, einer Leistungselite anzugehören, durch Einsicht und Können unterschieden vom Durchschnitt der Kleinbürger im Land." Umso größer seine Enttäuschung, als er die Wahrheit über die DDR nicht länger leugnen konnte.

Die Biskys lebten auf der Sonnenseite der DDR – mit Wolga, Wochenendhäuschen und Westreisen. Mutter und Vater waren Nomenklaturkader, sie Kulturfunktionärin beim Rat des Bezirkes Leipzig, er ein prominenter Wissenschaftler. Wie durch ein Schlüsselloch sieht man ins Hause Bisky. Der Vater geht beim Nachdenken immer auf und ab und latscht dabei den Teppich des Arbeitszimmers durch. Auf dem Küchentisch liegen Schopenhauer, Nietzsche und Neil Postman. Der junge Bisky liest George Orwells 1984 und – es war vor der Polenreise – verstand nichts. "Neusprech, Doppeldenk und Polizeiterror hatten mit meinem Alltag, wie ich ihn sah, wenig zu tun. Ich war bereits in einem Reich mit eigenen Gesetzen verschwunden. … Dort, wo ich herkam, reiste man in den Marxismus aus, in die Theorie, heute würde ich sagen: die Besserwisserei, die alles Unveränderbare, Unstimmige mit dem Lack der Notwendigkeit überzog", schreibt Bisky. "Mauertote und Verbote haben meine Eltern nie gerechtfertigt, aber erklärt."

Die Persönlichkeitsspaltungen, mittels derer jeder DDR-Bürger die Realität bewältigte, fielen bei Jens Bisky besonders extrem aus: Er war verlässliche Stütze der sozialistischen Gesellschaft, Elitesprössling, aktiv in FDJ und SED, Unteroffizier der NVA – doch zugleich ein nachdenklicher junger Mann, dessen Intelligenz durch die täglichen Verhältnisse beleidigt wurde, ein Schwuler, der nicht der sozialistischen Norm entsprach. Wann immer möglich, floh Bisky aus der Kaserne ins Private, in die Arme seines Freundes, von dem er Jahre später erfahren sollte, dass er als IM für die Stasi gearbeitet hat.

"Meine Emotionen für das Land starben allmählich ab"

Der Verlag kalkuliert, mit Bisky noch ein bisschen auf der Zonenkinder -Welle zu schwimmen. Doch dieses Buch ist besser geschrieben als viele der bereits erschienenen Erinnerungen an eine Jugend in der DDR. Und Bisky plappert nicht, er reflektiert. Aber er war ja auch älter als Jana Hensel & Co waren, er wurde bereits 1966 geboren. Bisky war eben kein Kind mehr, als die DDR zusammenbrach, sondern hatte bereits den Wehrdienst hinter sich, wo er einen vulgären, verkommenen Apparat erlebte, dem er nicht länger ausweichen konnte. Wenige Jahre Altersabstand machen viel aus: Wahrscheinlich kann man alle jungen Ostdeutschen danach scheiden, ob sie noch in der DDR ihren "Ehrendienst an der Waffe" ableisten mussten oder nicht.

Mit genauem Blick schildert Bisky, wie die DDR Gefolgschaft organisierte. Er beschreibt das feine Gespinst aus Lob und Tadel, den Druck, der sich als Fürsorglichkeit tarnte. Die Dressur begann schon in der Krippe, Bisky zitiert Mitteilungen an die Eltern: "Bitte üben Sie mit Jens das Aufheben der gefüllten Tasse mit einer Hand, die andere Hand soll neben dem Teller flach auf dem Tisch liegen." In der ersten Klasse wurde an der Wandzeitung das Foto desjenigen, der nicht brav war, ganz nach hinten gehängt.

Der kleine Jens brauchte sich – anders als das DDR-Durchschnittskind – nicht zu verstellen, er funktionierte aus Überzeugung und war deshalb in seiner Klasse ein Außenseiter. Es ist paradox, aber wenn er sich in dieser Rolle beschreibt, klingt Bisky kaum anders als Claudia Rusch, die in ihrem Buch Meine freie deutsche Jugend (S. Fischer, 2003) das Aufwachsen eines Dissidentenkindes beschrieben hat. Und am Ende ihrer Jugend sind beide zu denselben Wertungen gelangt.