Welthistorische Individuen, welche den Beruf hatten, die Geschäftsführer des Weltgeistes zu sein, sterben früh wie Alexander, werden wie Caesar ermordet", sagte Hegel. Ob man jung sein muss, um einen Weltgeist zu Pferde bewundern zu können, sei dahingestellt. Robin Lane Fox war 27, als er 1973 seine voluminöse Darstellung des im Alter von knapp 33 Jahren verstorbenen Welteroberers vorlegte. Das Buch war ein großer Publikumserfolg und erschien im folgenden Jahr auch in deutscher Übersetzung.

Im November 2004 soll der seit langem geplante Alexander-Film von Oliver Stone in die Kinos kommen. Der zuerst für die Titelrolle vorgesehene Tom Cruise ist nun doch zu reif, um den jugendlichen Helden darzustellen; der Part ging an Colin Farrell. Lane Fox hat die Beratung des Regisseurs übernommen. Zur Belohnung durfte er bei den Dreharbeiten (in Marokko) in der makedonischen Filmkavallerie mitwirken. Für Ende dieses Jahres hat er ein Buch angekündigt: The Making of ›Alexander‹. The Official Guide to the Epic Alexander Film. Rechtzeitig zum Start des Films wird nun auch sein Alexander-Buch in einer revidierten Fassung vorgelegt.

Der 21 Jahre alte Makedonenkönig realisierte 334 vor Christus, zwei Jahre nach seiner Thronbesteigung, den Plan eines – als gemeingriechischer Vergeltungskrieg deklarierten – Feldzugs gegen die Perser, den er von seinem Vater Philipp II. geerbt hatte. Das Kriegsziel verschob sich schnell auf die Eroberung des riesigen Perserreiches. In nur vier Jahren waren nach drei spektakulären Schlachten (am Granikos, bei Issos, bei Gaugamela) Kleinasien, Palästina, Ägypten, Mesopotamien und das iranischen Hochland eingenommen. Es folgten Vorstöße nach Baktrien und Sogdien (im heutigen Afghanistan beziehungsweise Usbekistan), schließlich der Marsch in die Indusregion und bis zum östlichen Rand des Pandschab. Als Alexander den Zug bis zum Ganges, dem vermeintlichen Ende der Welt, fortsetzen wollte, verweigerten sich seine erschöpften Soldaten. Der Rückmarsch vom Indusdelta nach Iran und Mesopotamien durch die als unpassierbar geltende Wüste von Gedrosien (heute Belutschistan im Südwesten Pakistans) war mit fürchterlichen Verlusten verbunden. Im Juni 323 ist Alexander in Babylon gestorben, an der Malaria oder den Folgen einer schweren Verwundung, vielleicht auch seiner zuletzt noch gesteigerten Alkoholexzesse. Ermordet worden, wie Gerüchte besagten, ist er wohl nicht.

Als ein Mann, dessen militärische Erfolge diejenigen aller vorherigen Herrscher (wie seiner Nachahmer von römischen Kaisern bis zu Napoleon) weit übertrafen, war Alexander bereits zu Lebzeiten Gegenstand vieler Legenden, die auch eine göttliche Abstammung einschlossen. Schon die antike Geschichtsschreibung ist durch eine Vielzahl von Alexander-Bildern geprägt, aufgrund deren die Motive seines Handelns gedeutet werden. Alexander hatte sich von dem Historiker Kallisthenes begleiten lassen, der seine Leistungen der griechischen Öffentlichkeit vermitteln sollte. Seine Darstellung hat Kallisthenes jeweils im Anschluss an die Kriegsereignisse verfasst und sukzessive publiziert; sie ging aber nur bis zum Jahre 331, da der Autor 327 in Ungnade fiel und dies nicht überlebte. Diverse Zeitzeugen, darunter hohe Militärs, haben Berichte mit divergierenden Perspektiven und Absichten niedergeschrieben. Eine legendenhaft ausgeschmückte Alexander-Geschichte legte Ende des 4. Jahrhunderts Kleitarch vor. Alle diese Geschichten sind verloren gegangen und nur in unterschiedlichen Kombinationen in Werken aus dem 1. Jahrhundert vor Christus (Diodor) beziehungsweise dem 1. und 2. Jahrhundert nach Christus (Curtius Rufus, Plutarch, Arrian) verarbeitet worden. Aus diesen Werken müssen wir unsere Kenntnisse beziehen.

Bei dieser Überlieferungslage war vorgegeben, dass sich durch alle Zeiten die Alexander-Deutung als Projektion variierender Geschichtsbilder erwies. In der hegelianischen Perspektive von Johann Gustav Droysen erschien Alexander 1833 als Architekt einer Vereinigung von Orient und Okzident, welche die Entfaltung des Christentums ermöglichte. Dieser Alexander wurde mit messianischen Zügen ausgestattet: mit seinem Siegeszug "ist die Zeit erfüllt". Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Begeisterung für Welteroberer spürbar nachgelassen, wenn auch Alexander noch bei William Tarn (1948, deutsch 1968) und Nicholas Hammond (1997, deutsch 2001) als Begründer einer neuen Völkergemeinschaft und Verwirklicher einer Zivilisierungsmission galt; britische Wissenschaftler haben damit anscheinend weniger Schwierigkeiten.

Eine Mischung aus Forscherdrang und sportivem Ehrgeiz

Auch Lane Fox hat keine Probleme mit der Bewunderung seines Helden. Er hat sich, auch wenn er dies heftig dementiert, für ein bestimmtes Alexander-Bild entschieden: Alexander erscheint als homerischer Held, als neuer Achill. Dies entspricht seiner Selbstdarstellung und dem Image, das Kallisthenes verbreitet hatte. Als weiteres Motiv erscheint eine Mischung aus Forscherdrang und sportivem Ehrgeiz. Den Marsch durch die Gedrosische Wüste könne "nur eine Forschernatur begreifen; denn in demselben Geist wurden Versuche unternommen, den steilsten Berghang des Mount Everest zur falschen Jahreszeit zu erklimmen".

Lane Fox hat – Droysens und Tarns Schatten sind lang – keinen Zweifel, dass Alexander die Integration der makedonischen und persischen Elite anstrebte und die mit seinen zahlreichen Städtegründungen verbundene Verbreitung griechischer Zivilisation ein Segen für die eroberten Regionen war; entsprechend bedauert er, dass Alexander seine (angeblich) letzten Pläne, nicht nur Arabien, sondern auch Karthago zu bezwingen, nicht mehr realisieren konnte.