Es passierte in den Oktobertagen des Jahres 1989. Günter Gaus genoss sonnige Tage in Kenia bei Tochter und Enkelin. Der Anruf eines Freundes schreckte ihn auf: "Wenn du erleben willst, wie die DDR zusammenklappt, komm schnell!" Er kam.

Ein paar Wochen später, im Dezember, sprach er im Französischen Dom; die DDR war noch nicht vollends verschwunden. "Habe ich als der erste Leiter der Ständigen Vertretung in der DDR, habe ich alles, vieles falsch gesehen? Welche Fehler haben wir gemacht? Wie ist es zu dem gekommen, was jetzt ist? Dass es so gekommen ist, dass es jetzt und in dem Tempo kommen würde, habe ich nicht für möglich gehalten. Ich habe gedacht, es geht mit den von mir mitgetanen kleinen Schritten. Ich habe gedacht, es gibt eine stufenweise Ablösung Honeckers. Er bleibt Staatsoberhaupt, aber nicht Parteichef, und dann wird sich das zurechtlaufen …" Es lief sich nicht zurecht – oder genauer, es lief sich anders zurecht.

In seinen Erinnerungen zitiert Günter Gaus diese Worte und fügt an: "Man sieht: Der Stoff für selbstkritische Erinnerungen wird mir nicht ausgehen".

Gleich zu Anfang seiner Memoiren zieht Günter Gaus eine Art Bilanz: "Jeder Hund hat seinen Tag; dann gehört ihm zwar nicht die Welt, aber doch der Hase; meist auf der Höhe der Zeit. Mein Tag war lang und meistens sonnig. Vor gut zehn Jahren ist er zu Ende gegangen! Ich schreibe dies, nach längerer Unterbrechung, im April 2001." Und er fährt fort: "Aber mein Tag, der sprichwörtliche, die Epoche, zu der meinesgleichen gehörte – jener Tag, jene Epoche, sind vor einem Jahrzehnt mit der so genannten Wende in Deutschland und Europa vergangen."

In wenigen Tagen wäre Günter Gaus, Jahrgang 1929, 75 Jahre alt geworden, hätte nicht ein Krebs in der Speiseröhre im Mai seinem Leben ein Ende gemacht. Bis zuletzt arbeitete er an seinen Erinnerungen, die nicht ihr Ende fanden. Sie enden 1973 mit seiner Zeit als Chefredakteur des Spiegels. Die aufregenden Jahre im Bundeskanzleramt bei Willy Brandt und in Ost-Berlin, die Jahre danach als Fürsprecher und Seelsorger der Menschen in den neuen Bundesländern, als Herausgeber des Freitags, blieben ungeschrieben. Dennoch, auch die Jahre seines, nennen wir es so, ersten Lebens, sind der Erinnerung wert, zumal Günter Gaus erzählen kann. Es machte Spaß, ihm zuzuhören, wenn er, große Abschweifungen sich erlaubend, Unterbrechungen nicht duldend, Geschichten erzählte, Anekdoten wiedergab oder Menschen skizzierte, liebevoll oft, gelegentlich sarkastisch. Die Lektüre der Erinnerungen macht nicht minder Spaß. Sie sind reich an Details, amüsant und immer wieder nachdenklich.

Ein sehr ausführliches Kapitel widmet Gaus seiner kleinbürgerlich-bäuerlichen Herkunft in Niedersachsen; er erzählt von Tanten und Onkeln, von Großeltern und beschreibt Gebräuche, das Einkellern beispielsweise. "In meiner Kindheit war es eine beruhigende Feststellung, über jemanden, der seine Arbeit verloren hatte, krank geworden oder sonst in wirtschaftliche Not geraten war, zu sagen: Wenigstens hat er schon seine Kartoffeln im Keller. Oberhalb des Kleinbürgertums, im mittleren Mittelstand, wurde die entsprechende Absicherung gegen soziale Bedrängnisse mit dem Begriff gekennzeichnet: Aber er hat ein bisschen was auf der hohen Kante. Von der Kartoffelkiste als Symbol für Sicherheit im Leben zum Sparbuch. In Kriegszeiten freilich kehrten auch die höheren Schichten zurück zu den Kartoffeln." Er fragt sich aber auch, ob solche Betrachtungen Jüngere noch interessieren, seine Enkelin Nora, geboren 1987? Doch. Nicht von ungefähr gibt es eine wahre Flut von Zeitzeugenschaft, die erklärt, wie und warum unsere Eltern, Großeltern so lebten, wie sie lebten. Eine vergangene Welt wird da vor uns aufgerollt. Heute kellert Aldi für uns ein. "In mancher Hinsicht sind die Nachgeborenen Aliens auf ihrer Erde geworden", schreibt Gaus.

Das Kriegsende erlebt der 16-Jährige bewusst. Der Einblick in die Verbrechen des Nationalsozialismus hielten ihn, der am 30. April 1945 noch den Tod Hitlers beweinte, für immer davon ab, gläubig Partei zu nehmen, weder für eine Partei noch eine Ideologie, noch für den Kapitalismus. Daraus folgte für ihn: "Der kleine, schwache, gewöhnliche Mensch, kein Überbau, kein Übermensch, soll Maß aller Dinge sein."

Man nannte ihn den bekanntesten Hinterkopf der Nation