Man lernt nicht aus. Es gab also auch eine gemütliche Emigration. Wenn unsereins an die von den Nazis Verjagten denkt, hat er die bitteren Schicksale in Not und Elend der Anna Seghers oder Walter Mehring, Fritz Kortner oder Alfred Kerr vor Augen; oft genug – von Walter Hasenclever über Walter Benjamin bis Ernst Toller – mit grausigem Ausgang. Dieser Band (übrigens hervorragend ediert) mit Briefen von Thomas Theodor Heine – genialer Zeichner, der mit seiner spitzigen Simplicissimus- Feder eine ganze Epoche aufspießte – ist eine einzige Desillusion. Da flieht dieser große Satiriker, 1933 knapp den Häschern entronnen: und macht es sich behaglich. Die ersten Jahre in Prag und Brünn, später in Skandinavien lebt einer so dahin, an dem die Zeitläufe abrinnen wie an einer Ölhaut, durch die – von der Hinschlachtung des SA-Chefs Röhm bis zum Selbstmord Tucholskys – so gut wie nichts dringt; "…und dann kommt meine Familie her, und dann freut mich die ganze Emigration nimmer": So lasch sind die Sottisen, auch wenn er sie selber abzupolstern sucht mit leicht gequälter Selbstironie:

"(Idee für eine Zeichnung: Der Emigrant. ›Ich möchte Hitler ja so gerne bekämpfen. Aber was wird er dann daheim meinem Dackel tun?‹)"

Die Rücksicht nämlich auf seine in Deutschland auf dem Besitz am Ammersee gebliebene nichtjüdische Frau und die gemeinsame Tochter muss herhalten als die – wie man weiß: viele Mitemigranten verstörende – Ausrede für die totale politische Enthaltsamkeit Heines.

Ich benutze bewusst den Begriff Ausrede; denn wenn tatsächlich Besorgnis um seine Frau (die, höchst nobel, 1932 eine "schützende" Scheidung vom jüdischen Ehemann abgelehnt hatte) ihm die Zeichenfeder weich und unkämpferisch gemacht hätte – diese privaten, für keine Öffentlichkeit bestimmten Briefe an den ehemaligen Mitarbeiter, den Chefredakteur des Simplicissimus Franz Schoenberner, könnten ja Spuren tragen nicht nur jenes belästigten Degouts, den sie vorführen, sondern einer antifaschistischen Aggressivität, kurzum: von Wut und Trauer (wie etwa Tucholskys Briefe an Walter Hasenclever; und wie, fulminant, in Franz Schoenberners Memoiren Bekenntnisse eines europäischen Intellektuellen zu finden). Lassen wir einmal beiseite, wie gut oder schlecht die Ehe war (vor deren Fortsetzung Th. Th. Heine sich, so hat man oft den Eindruck, mehr graulte als vor Hitler); und erinnern wir uns getrost des effektvollen Satirikers, dem einst eine boshafte Ehekarikatur einen jener Leserbriefe eintrug, wie wir sie alle so lieben:

"Haben Sie denn nie die Wonne eines harmlosen Familienlebens voll und ganz kennen gelernt? Haben Sie nie die Freude erlebt, von herzigen Kinderlippen das Wort ›Papi‹ zu vernehmen? Ich und mein sittlich hochstehendes, in allen Zweigen des Haushalts perfektes, kunstbegeistertes Töchterlein möchten den Versuch wagen, Sie vor dem Abgrund zu erretten, dem Sie zutaumeln."

"Familienbande" also hatten für Heine einen durchaus doppelten Klang. Doch nicht das verstört an diesen brieflichen Lebenszeugnissen (Schoenberners Briefe sind nicht erhalten). Vielmehr ein arg spießiges Sicheinrichten in Gleichgültigkeit, die Lakonie zu nennen man sich einigermaßen Mühe geben muss; zumal Heine keineswegs nur Zeichner war, sondern auch Schriftsteller – so hätte er spüren, nein wissen müssen, dass etwa die Bemerkung über die ungeliebte Familie Mann, bei Heinrich Manns Vorträgen habe er immer am besten geschlafen, ein ziemlich flacher Kichergipfel ist. War es doch immerhin Heinrich Mann, der einer der hellsichtigen Mahner und Warner war, ein Großer, der keineswegs, wie der Briefschreiber, meinte, der Nazispuk sei bald vorbei.

Berichterstatter Heine plätschert so vor sich hin, ob er sich 1939 erinnert, dass der Hitler-Fotograf Hoffmann – was für ein Thema! – früher als Chauffeur "unerwachsene" Mädchen für einen Verleger besorgt hatte, die er "in allerhand Stellungen auf Ottomanen" fotografierte, oder von seiner Rettung aus dem Nazi-besetzten Norwegen ins freie Schweden erzählt: was sich bei ihm wie ein leicht abenteuerlicher Boy-Scout-Ausflug anhört, dieweil es norwegische Widerstandskämpfer waren, die unter Gefahr für Leib und Leben die bedrohten Juden schmuggelten. "Ich weiß, dass man es mir in Emigrantenkreisen verübelt, dass ich mich nicht antifaschistisch betätige", schreibt er bereits 1937 aus Brünn, und dass er Bolschewismus und Nazismus für "gleichwertige Beschränkungen der persönlichen Freiheit" halte. Doch wer nun neugierig wäre auf "mehr", auf eine Auseinandersetzung, auf irgendeine tiefer gehende Reflexion dieser wahrlich zwanghaft-schmerzenden Erkenntnis – sieht sich enttäuscht.

Geboten vielmehr wird: Exil als Blümchentapete. Da liest man doch arg viel Idyllisches von blühenden Wiesen, amourösen Badereisen – "braungebrannt wie ein Abessinier" – und allerlei langweilendem Firlefanz. Gewiss, auch Th. Th. Heine – einst ein Star seines Fachs, Mitbesitzer gar des S implicissimus, aus dem ihn seine sich den Nazis anbiedernden Kollegen Thöny, Arnold und Gulbransson, Denunziationen nicht scheuend, hinausgedrängt hatten –, auch der einst so Berühmte musste sich nun um Aufträge und Honorare sorgen.