Lebensgeschichten aus dem 20. Jahrhundert gibt es inzwischen eine Menge. Manche handeln von Menschen, die Glück im Unglück hatten. Und andere erzählen von Schicksalen, in denen Glück keine, Hoffnung nur noch eine geringe und Mut die Hauptrolle spielten. Zu ihnen gehört der Bericht von Uwe-Karsten Heye über den Lebensweg seiner Mutter Ursel und seine persönliche Suche nach der Vorgeschichte des eigenen Lebens.

Dieses ist, alles in allem, ein ungewöhnliches Buch. Einmal, weil man von einem Mann mit dem Hintergrund dieses Autors solche intimen Einblicke nicht erwarten würde. Ich kenne Uwe-Karsten Heye seit langem, vermutlich zu gut, um sein Buch unbefangen beurteilen zu können. Andererseits kenne ich ihn so gut, um zu wissen, wie viel subjektive Anstrengung ihm diese Arbeit abverlangt haben muss. Denn der frühere Sprecher der rot-grünen Bundesregierung und langjährige politische Begleiter Gerhard Schröders aus Hannoveraner Tagen ist keiner, der sich gern hinter die elegante Fassade schauen lässt. Seine Aufzeichnungen lassen erkennen, dass er viel Kraft und Zeit gebraucht hat, ehe er selbst genauer hinter seinen Selbstschutzparavent sehen konnte.

Ungewöhnlich ist das Buch auch, weil die Geschichte, die Heye zu erzählen hat, selbst ungewöhnlich ist. Ihm war das lange nicht so richtig bewusst, zu sehr hatte er sich aufs Verdrängen konzentriert und auf den mühsam erkämpften Aufstieg aus den kargen Verhältnissen einer vaterlosen, von zwei Fluchten und häufigen Umzügen geprägten Kindheit. Erst vor wenigen Jahren hat er, Schritt für Schritt, mit der Suche nach der Vergangenheit begonnen. Nach dem Vater, den er – wie so viele seiner Generation – als Kind entbehrt hatte, den großen Abwesenden, der eine Karriere als Opernsänger vor sich gehabt hatte, ehe die Wehrmacht ihn 1942 zum Kriegsdienst holte. Der zweimal desertiert war, von dem die Mutter sich daraufhin unter Druck der Nazis scheiden ließ, der in einer Strafeinheit an der Ostfront zum Minenräumen eingesetzt wurde und im Krieg verschwand ("vermisst"). Den sie schließlich, nach Jahren des Wartens, für tot hielten. Der aber überlebt hatte, nach dem Krieg nach der Familie suchte, die er 1942 in Danzig zurückgelassen hatte, die, wie er erfuhr, auf der letzten Fahrt der Wilhelm Gustloff gebucht war und offenkundig mit diesem Schiff in der Ostsee versunken war. Die er folglich für tot halten musste.

Doch Ursel Heye hatte sich damals kurzfristig entschieden, mit Tochter Bärbel und Sohn Uwe-Karsten auf dem Landweg nach Westen zu flüchten, die Gustloff ging ohne sie auf die Todesfahrt. An die Flucht über Land hat der Autor keine eigene Erinnerung, berichtet aber aus den Erzählungen seiner Familie. Danach die ersten Jahre in der DDR, Flucht in den Westen, Zeit der Entbehrungen, Existenzkampf im Schatten des "Wirtschaftswunders", eigene Erinnerungen des Autors setzen ein, an die Adenauerjahre, an das Bemühen um einen Ausbruch aus der materiellen Knappheit der eigenen Lebensverhältnisse und der kulturellen Enge der jungen Bundesrepublik.

Im Mittelpunkt steht die Mutter, die immer noch um den zwangsgeschiedenen, mutmaßlich toten Mann trauerte. Die ihr Leben bis zum Ende in zwei Teile trennte: in die vier Jahre mit dem Geliebten, vier Jahre, von denen sie selbst schrieb, "sie wiegen ein Leben auf", und die langen, leeren Jahre ohne ihn. Wie sie sich gefühlt haben mag, das ahnt der Sohn bei der Lektüre der 17 eng mit Hand beschriebenen DIN-A5-Seiten, die sie ihm eines Tages über den Tisch geschoben hat. "Lieber Uwe" stand auf dem Deckblatt und dann, nach einigen kurzen Sätzen: "Vielleicht interessiert dich mein Geschreibsel, ich musste es einmal los werden. Deine Mutter". Das ist die Basis der Geschichte, die Heye erzählt. Er habe darin eine Aufforderung gesehen, schreibt er, der Mutter und ihrem Leben gerecht zu werden. Denn sehr viel hat sie selbst ja nicht offenbart. "In Wahrheit hatte sie das Gefäß ihrer Erinnerung an ein Leben, in dem die glücklicheren Tage in eine Streichholzschachtel zu passen scheinen, nur ein ganz klein wenig gelüftet."

Auf seiner späten Spurensuche räumt Heye ein, dies und jenes nicht genau zu wissen. Das lässt den Leser, nicht nur den befangenen, manchmal unwillkürlich fragen: Warum hat er sie nicht gefragt, als sie noch lebte? Warum hat er den Brief nicht rechtzeitig gelesen? Die Ängste, die Beklemmungen, die ihn vermutlich davon abgehalten haben, gehören auf jene inneren Seiten der Geschichte, von denen das Buch nicht berichtet. Eine Lücke, die Teil des großen Schweigens zwischen den Generationen ist.

Wie das Schweigen zwischen Sohn und Vater, als sie sich schließlich 1963 in Stuttgart zum ersten Mal treffen. Hier der geliebte – und wieder verheiratete – Mann und unbekannte Vater, da die – einsame – Exfrau und die beiden erwachsenen Kinder – eine deutsche Nachkriegsbegegnung: "Das war er also. Zwischen ihm und uns standen sein und unser Leben, die so wenig miteinander zu tun hatten. Seine Stimme war angenehm, ein freundlicher Fremder, von dem ich nun sagen musste, er ist mein Vater."