Dem Blick von außen, namentlich aus dem angelsächsischen Raum, auf die deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis zur Zweistaatlichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg verdanken wir wichtige Einsichten. Genauer betrachtet, stehen hinter den Sichtweisen englischer und amerikanischer Historiker häufig besondere familiäre Verbindungen und eigene biografische Erfahrungen. Der Zeithistoriker Konrad Jarausch, einer der führenden Vertreter des Faches, fasste nach der Schulzeit Anfang der sechziger Jahre den Entschluss, der autoritären Enge deutscher Provinz zu entkommen und in den USA zu studieren. Seine wissenschaftliche Karriere machte er dort als Experte für die neuere deutsche Geschichte.

Aber die Verbindungen zur alten Heimat blieben nicht auf die üblichen Tagungen und kollegialen Kontakte beschränkt. Seit den neunziger Jahren einer der Direktoren des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam, führt Jarausch eine deutsch-amerikanische Spagatexistenz. Sein Blick von außen wird ergänzt durch intime Kenntnis der hiesigen Forschungslandschaft, der Quellen, der Diskussionen, der Grabenkämpfe, aber auch der außerwissenschaftlichen Alltäglichkeit.

Diese Informationen über den Autor sind keine zusätzliche Information, legt er doch im Vorwort offen, dass sein Interesse dem seit den siebziger Jahren spürbaren und selbst erlebten Wandlungsprozess gilt, "der aus Deutschland ein angenehmeres Land machte", in dem nicht mehr Schüler vor ihren Lehrern und Besucher einer Behörde vor den Beamten kuschen, Kunden den Verkäufern nicht mehr alles glauben, Frauen ihre Rechte gegenüber den Männern durchsetzen, Bürger sich in die Politik einmischen. Diese keineswegs selbstverständliche Aufhellung der politischen Kultur hat in den letzten Jahren bereits einige Historiker – unter Begriffen wie "Modernisierung", "Liberalisierung" oder "Verwestlichung" – zur Interpretation herausgefordert.

Pointierte Zeitgeschichte, die durch Weltoffenheit beeindruckt

Hier ist der Beitrag von Jarausch, verfasst aus einer "transatlantischen Doppelperspektive", einzuordnen. Er stellt sich und seinen Lesern die Frage, wie die Deutschen "nach ihren Verbrechen einen Weg zurück zur vor 1933 bereits in Ansätzen entwickelten Zivilgesellschaft finden" konnten. Dadurch rücken die Umstände eines zum Teil freiwilligen, zum Teil erzwungenen Lernprozesses in den Mittelpunkt, für dessen Durchsetzung der Autor drei Zeitabschnitte markiert: die Besatzungsjahre unmittelbar nach Ende des Krieges, den emanzipativen Aufbruch der sechziger Jahre und schließlich den mit der Bürgerrevolution in der DDR 1989/90 verbundenen "bisher letzten, aber noch unvollständigen Schritt zur Wiedererlangung einer zivilisatorischen Normalität" in ganz Deutschland.

Faktenreich werden im ersten Teil die alliierten Maßnahmen zur "Ausrottung des Militarismus als Denkungsart", die "Überwindung des Nationalismus" und die Absage an die Planwirtschaft skizziert. Die Erzählung konzentriert sich zwar auf die größere, westliche Hälfte Deutschlands, wirft aber immer wieder auch Blicke auf Entwicklungen in der SBZ und späteren DDR. Die Thesen von Jarausch, durchweg in fragend diskursivem Duktus vorgetragen, laden zur Diskussion ein.

So spiegelt die Frage, ob nicht im Überschwang des "Abschieds von der Nation" die Deutschen ein wichtiges emotionales Bindemittel verloren hätten, eher eine heutige Besorgnis wider, als dass sie sich aus der Geschichte der Entnazifizierung ableiten ließe. Das Übergewicht einer an der Gegenwart orientierten amerikanischen Perspektive fällt besonders deutlich bei der sehr holzschnittartigen Gloriole der Marktwirtschaft und der Kritik des Keynesianismus seit der Zeit der Großen Koalition auf; hier hätten die Westdeutschen "die Lehren der NS-Erfahrung in der Wirtschaft nur halb gelernt".

Im Einklang mit der neueren Forschung datiert Jarausch im zweiten Teil seines Buches den "eigentlichen Durchbruch der Zivilisierung" erst Mitte der sechziger Jahre, was die Kluft zwischen beiden deutschen Staaten vertieft habe. Zugleich werden aber auch sehr markant die politischen und kulturellen Linien der Hinwendung zum moderneren, toleranteren Westen schon seit der Hochzeit des Kalten Krieges herausgearbeitet, der von der Bevölkerung eine klare Entscheidung forderte. Die Anverwandlung des "zivilisatorischen Wertekanons", nicht zuletzt die Herausbildung einer kritischen Öffentlichkeit, sei eine historische Leistung, so Jarausch, die den Deutschen "ironischerweise eine neue Verantwortung als Vermittler" westlicher Zivilisation nach Ostmitteleuropa auferlegt habe.