Sie gehört zu jenen Menschen, die man entweder aufrichtig schätzt oder ganz und gar schrecklich findet. Als mutige und meinungsfreudige Publizistin gilt sie den einen, als vorlaute Wichtigtuerin den anderen. Ein mittleres Register, eine Schattierung ins Graue hinein gibt es bei Carola Stern nicht. An Widersprüchen und Widerborstigkeiten aller Art mangelt es der alten Dame freilich ebenso wenig.

"Carlchen Maulaufreißer" nannte sie ihr verstorbener Mann, halb kosend, halb tadelnd. Im Rückblick auf Carola Sterns Leben ist es das, was Anfang und Ende, die Kindheit auf Usedom und die späten Berliner Jahre verbindet: In der Achtzigjährigen schlägt noch das Herz der sommersprossigen Göre, die sich nichts sehnlicher wünscht, als die weite Welt jenseits von Swinemünde zu erobern.

Carola Stern selbst hat frühzeitig zurückgeblickt, und das gleich doppelt. Zwei Autobiografien – In den Netzen der Erinnerung (1986) und Doppelleben (2001) – haben sie jedoch nicht davon abgehalten, mit dem Regisseur Thomas Schadt noch eine dritte Lebensreise zu unternehmen. Zusammengebracht hat die beiden Schadts Verfilmung von Doppelleben, die kürzlich im Programm der ARD zu sehen war. Das Buch, das ihre Gespräche dokumentiert, firmiert zwar als Dreingabe zum Film. In Wahrheit aber verhält es sich genau umgekehrt, denn Schadts Dokudrama liefert nur einen matten Abglanz jener Carola Stern, deren Lust am Fabulieren, Erzählen und Argumentieren bis heute ungebrochen ist.

Auf ihren Lebensweg mit seinen abenteuerlichen Serpentinen kommt es in diesen Zwiegesprächen weniger an. Die wichtigsten Stationen sind seit Doppelleben ohnehin bekannt: eine vaterlose Jugend in Ahlbeck; nacheinander zwei totalitären Ideologien aufgesessen; Spionage für den CIA und Flucht in den Westen; schließlich Karriere als politische Redakteurin beim WDR; daneben Mitbegründerin der deutschen Sektion von amnesty international und Autorin zahlreicher Biografien.

Viel bedeutsamer als solche bloßen Fakten ist, dass Carola Stern ihrem Leben eine Notwendigkeit abgewinnen und sich selbst als fehlbaren Menschen annehmen kann. Carola Stern ist – im tiefsten Sinne – mit sich selbst versöhnt. Das beginnt beidem ebenso schüchternen wie eitlen Kind, das um jeden Preis seine Sommersprossen loswerden möchte. Und endet mit der Frau, die sich dank einer "gehörigen Portion Durchsetzungsvermögen" in der patriarchalen WDR-Hierarchie behauptet hat und in ihrer Stasi-Akte lesen muss: "Sie weiß zwar, dass sie hässlich ist, aber sie ist nicht zu unterschätzen."

Anders als viele ihrer Generationsgenossen hadert Carola Stern nicht mit der Welt und dem eigenen Schicksal. Stattdessen bekennt sie sich offen zu ihrer "bescheuerten Gläubigkeit" an Hitler und ihre spätere Verstrickung in sozialistische Hirngespinste. Selbstkritik, Ursachenforschung, weder Verlogenheit noch falsche Entlastung – das ist Carola Sterns Maxime im Umgang mit einer Vergangenheit, die viele Deutsche ihres Alters geteilt haben. Nicht alle haben sich zum selbstständigen Denken emanzipiert. Carola Stern ist es gelungen. Man mag ihre Einstellungen teilen oder nicht – im Ringen um Einsicht und innere Freiheit ist sie ein Vorbild.