JERUSALEM

Seit ich 1968 anfing, als israelischer Journalist regelmäßig über arabische und palästinensische Themen zu schreiben, ist kaum ein Tag vergangen, an dem ich Jassir Arafats Namen in meinen Berichten nicht erwähnt hätte. Es ging gar nicht anders. Ich sah ihn häufig, meist bei öffentlichen Anlässen - Kongressen, Demonstrationen, Pressekonferenzen. Aber ich war auch bei einer Reihe kleinerer Treffen in seinem Büro dabei: in Tunis, Gaza, Jericho und Ramallah.

Manchmal meinte ich, ihn nicht nur deshalb gut zu kennen, weil ich unzählige Zeitungsartikel, Bücher und Studien über ihn gelesen hatte, sondern auch, weil ich in Gespräche über ihn verwickelt wurde. Von meinem Domizil in West-Jerusalem gehe ich seit Jahren täglich in den arabischen Ostteil der Stadt, kaufe die palästinensischen Zeitungen und treffe mich mit arabischen Bekannten. Jassir Arafats Name tauchte unweigerlich in jedem Gespräch auf.

Man versuchte, seine Taten zu analysieren, sein Verhalten zu interpretieren.

Meist hörte ich Palästinenser, die ihn lobten, aber manche missbilligten auch seine Taten und zogen über ihn her. Viele verehrten ihn, andere äußerten sich entsetzt über seine Schlichtheit und Unwissenheit. Man tratschte, riss Witze über ihn und sang natürlich sein Loblied als Führer und Symbol des palästinensischen Volkes.

Auch meine israelischen Freunde und Kollegen haben mich häufig über Arafat befragt. Die meisten sprachen abfällig von ihm, einige wenige bewundernd - und alle mit Staunen. Was wurde nicht alles über ihn gesagt: Er sei unzuverlässig, ein unverbesserlicher Terrorist, dem man kein einziges Wort glauben dürfe, dabei aber auch ein Führer von historischem Format, der sein Volk aus dem Wüstenabseits ins Zentrum der politischen Bühne des Nahen Ostens und zu harten Verhandlungen mit dem Staat Israel über die Teilungsgrenzen des Landes geführt habe. Was ist das Geheimnis seiner Führung? Hat er seinem Volk Erfolg gebracht - oder Katastrophen?

Eine meiner letzten Begegnungen mit ihm fand im August 2003 anlässlich seines 74. Geburtstags statt. Mich begleitete eine befreundete Psychologieprofessorin aus Jerusalem, die sich für seine Persönlichkeit interessierte. Wir passierten den großen Hof in Ramallah, noch mit den Trümmern seines bei einer israelischen Militäroffensive zerstörten Hauptquartiers, der Mukata, und betraten den kleinen Raum, in dem Arafat mit seinem engen Berater Nabil Abu-Rudeina saß.