Als Ludwig Roselius, der Kaffeekaufmann, der ein Leben lang das deutsche Wesen in all seinen Spielarten propagiert hat, 1922 in Bremen die mittelalterliche Böttcherstraße neu überbaute, begründete er seine Neuschöpfung so: "Die Wiedererrichtung der Böttcherstraße ist ein Versuch, deutsch zu denken." Man kann sich in Bremen den Kopf darüber zerbrechen, was in dem stilistisch eher disparaten Baukomplex aus heimischem Klinker deutsch gedacht ist.

Nicht anders ergeht es einem, wenn man ein dickleibiges Buch mit dem Titel Das Deutsche in der deutschen Kunst in die Hand bekommt. Was mag einen jungen deutschen Kunsthistoriker wie Volker Gebhardt, so fragt man sich, veranlasst haben, die einstmals so brennende, künstlich wieder entfachte Frage nach dem Deutschen in deutscher Kunst aufzuwärmen? Nach der Lektüre des Werkes kann man aufatmen: Der Titel ist die einzige Dummheit an dem Buch. Denn es liegt eine flüssig und klug geschriebene Geschichte der Kunstentwicklung innerhalb jetziger und früherer deutscher Grenzen vor.

Der Text breitet die Masse des Materials an den Stilepochen entlang aus, offenbar nicht ganz frei von der Angst, etwas zu übersehen. So gibt es nicht wenige Passagen wie die folgende, die ein Kaleidoskop von Einfluss-Strängen aufbieten: Bei dem Baden-Badener Kruzifix etwa hat Nicolaus Gerhaert "Realismus und ideales Abbild zum Ausgleich" gebracht, hinzu kam "die genaue Charakterisierung der Gesichter, die Einflüsse der Skulptur der Parler und die burgundische Kunst Sluters zusammenführte und wohl auch von der Kenntnis frühniederländischer Malerei profitierte – noch für den Krakauer Altar des Veit Stoss lassen sich direkte Übernahmen der malerischen Werke Rogier van der Weydens nachweisen". Diese Art eiligster Abwicklung würde unerträglich, wenn der Autor nicht immer wieder über solche Verrechnungsspiele hinauskäme.

Dies geschieht durch Abschnitte, in denen die ideologischen Syndrome aufgearbeitet werden, welche das Feld einer nationalen Kunstgeschichte besetzt haben und unsere Sicht der Epoche prägen. Im Kapitel über die Romanik findet sich eine lehrreiche Passage über "die Umwidmung der Romanik zum Trotzstil". Der Darstellung der gotischen Architektur geht voran ein Kapitel über das Verständnis der Gotik als "deutscher Nationalstil" seit Goethe, der allerdings den Innenraum, den die deutsche Innerlichkeit bald besetzt, mit keinem Wort würdigt. Bevor die Skulptur des 13. Jahrhunderts Thema wird, erschließt Gebhardt die "Uta und den Bamberger Reiter als Gesinnungsfiguren" und berichtet über die Rolle, welche die Fotografie dabei gespielt hat. Bevor die Dürerzeit selbst zur Sprache kommt, wird das Spannungsfeld Deutschland und Italien analysiert, wie es von Wackenroder bis Böcklin unser Sehen und Urteilen geprägt hat.

Die rezeptionsgeschichtlichen Einschübe sind ein genialer Kunstgriff, durch den bewusst wird, dass die Geschichte der Kunst ein Konstrukt ist, das von Bedürfnissen der zurückblickenden Gegenwart bestimmt ist. Diese Geschichte der Urteile und Vorurteile handelt Gebhardt mit Strenge ab, doch werden auch Gewinne registriert, welche aus früheren Beobachtungen und Wertungen zu ziehen sind. So entsteht eine Kunstgeschichte, die sich selbst durch Bewusstmachung ihrer Entstehungsbedingungen problematisiert. Diesen hermeneutischen Erkenntnisstand erstmals konsequent über die gewaltige Strecke einer nationalen Kunstgeschichte durchgehalten zu haben ist ein Verdienst dieses Buches, hinter das nicht mehr zurückzufallen ist.

In den Reflexionspausen über die Leistungen früherer Interpreten entwickelt der Verfasser eigene Vorstellungen von der Kunstgeschichte in Deutschland. Der Leser bekommt so einige Leitfäden an die Hand. Da wird gleich die ottonische Kunst mit einer Initiationsrolle betraut: "Es öffnen sich die Tore zur Kunst des Mittelalters, ja zur Moderne bis in das 20. Jahrhundert." Diese Aktualität wird getragen von einer Kategorie, die schon die fünfziger Jahre zum Ziel der Kunst erklärt haben: der "Abstraktion".

Überall ein Drang zur Abstraktion. Ist das deutsch?