Für die bildende Kunst war die Globalisierung bereits lange vor der Neuzeit kein Schrecken, sondern Herausforderung. Künstler konnten und mussten reisen, und immer wieder haben überregionale Austauschprozesse Formen von einer solch ausgereizten Homogenität bewirkt, dass es etwa bei Kunstwerken im "internationalen Stil" der Jahrzehnte um 1400 jahrelanger Erfahrungen bedarf, um zu entscheiden, ob sie in Nowgorod oder Dijon, Rimini oder Lübeck geschaffen wurden.

Verschmelzungen dieser Art, die sich längs der Handels- und Wallfahrtswege ereigneten, hat der Kunsthistoriker John Onians nun mit seinem Weltatlas der Kunst zu kartografieren versucht. Das erstaunliche Werk, das parallel zu Elmar Holensteins Philosophie-Atlas (ZEIT Nr.42/04) entstanden ist, besteht im Wesentlichen aus historischen Karten, in denen mehr oder minder kräftige Pfeile und Linien den Strom der Kunstwaren und der künstlerischen Fähigkeiten zu symbolisieren suchen. Zwar finden sich auf jeder Seite mit Bedacht gewählte Abbildungen von Kunstwerken, aber diese repräsentieren das betreffende Gebiet kaum ansatzweise. Umso stärker ist zu betonen, dass Onians nicht etwa eine illustrierte Weltkunstgeschichte, sondern einen Atlas als einen genuin neuen Zugang zu den Verbreitungsgebieten und den Bewegungsformen der bildenden Kunst vorgelegt hat.

Mit ihren Linien- und Pfeilgebilden orientieren sich die Tafeln an der Kartografie von Feldzügen. Auch die Pfeile von Truppenbewegungen können von der Wirklichkeit des Krieges kaum etwas wiedergeben, bilden aber dennoch einen Beitrag zum Verständnis der Strategien und deren Wirkung. Ähnlich zwiespältig wird man diesen Atlas der Weltkunst beurteilen müssen. Er zeigt nicht die Kunst, sondern deren Bewegungsformen. Indem er eine Entmilitarisierung der Ikonologie von Pfeildiagrammen vollzieht, vollendet er das Ziel von Joachim von Sandrarts opulenter Kunstgeschichte aus dem Jahr 1675. Eine Generation nach dem Dreißigjährigen Krieg verstand sich Sandrart im Gegensatz zu den auf Feldzüge fixierten Profanhistorikern als ein Chronist der Kulturleistungen des Friedens. Onians’ Kunstgeschichte bezieht zwar auch die Eroberungs- und Kolonisierungszüge ein, bietet insgesamt aber eine kartografische Summe friedlicher Mobilität.

Erstmalig erscheint die Kunst aller Menschen als egalitäres Projekt

Sein Atlas soll erstmalig die Grundzüge der Kunst der gesamten Menschheit auf eine geradezu insistent egalitäre Weise erfassen. Nirgendwo wird ein archimedischer Punkt markiert, von dem aus der Raum abzustecken gewesen wäre. Beginnend mit einer Weltkarte der vor etwa 40000 Jahren einsetzenden Kunst der Eiszeit, gliedert das Buch auf jeweils einer Doppelseite die Entwicklungen in Amerika, Europa und Afrika sowie Asien und Ozeanien. Allein schon die Leistung, Spezialisten für jedwedes Thema, von den Höhlenmalereien Südamerikas bis zu weltweit operierenden Kunstinstitutionen unserer Tage, als Autoren gewonnen zu haben, verdient Respekt.

Die mit 20000 Jahren einsetzenden Zeitspannen schnüren sich auf immer kleinere Einheiten bis zur magischen Grenze von 100 Jahren zusammen. Mit dieser Gliederung ergibt sich der Zwang, das Italien des 16. Jahrhunderts, das so viele und so bedeutende Werke wie vermutlich keine vergleichbare Zeit- und Raumzone hervorgebracht hat, klaglos einer Doppelseite herunterzubrechen. Dasselbe Problem betrifft das 20. Jahrhundert, in dem einzelnen Ländern Europas ebenfalls nur je eine Doppelseite eingeräumt wurde. Angesichts dieser konsequenten Willkür befremdet, dass allein in Bezug auf Nordamerika die kleinste gegebene Zeiteinheit unterschritten wird.

Diesem Zugeständnis an den Hegemon steht der Raumgewinn gegenüber, den die egalitäre Verknappung insgesamt bietet. So erhält das Baltikum dieselbe Fläche wie etwa Frankreich, und Russland wird nicht nur mit seinen europäischen Gebieten gezeigt, sondern auch mit den sibirischen Räumen. Vor allem aber sticht hervor, dass die konsequente Einflachung kultureller Großregionen die Gelegenheit bietet, Gebiete, die niemals im Fokus der Aufmerksamkeit standen, in ihrem eigenen Rang zu repräsentieren. So vermag die Karte des 20. Jahrhunderts in Westafrika das landläufige Bild dieser riesigen Region dadurch auf den Kopf zu stellen, dass sie die in dieser Zeitspanne gemachten Funde historischer Kunst aufnimmt. Damit gelingt eine Stellungnahme gegen die verbreitete Überzeugung, dass hier weder von Kunst noch von Geschichte, sondern von kollektiven Produkten einer unhistorischen, magisch-narrativen Kultur gesprochen werden muss. Höchst eindrucksvoll sind auch die Karten der künstlerischen Wanderwege Nordafrikas. Sie vermitteln, dass die von Europa kommenden Straßen nicht vor der Wüste endeten und dass es eine reziproke Orientierung nach Norden und Osten gab.

Diese Kulturgeschichte erfüllt einen Anspruch, der 150 Jahre alt ist