Den Zeitgeist überrollt derzeit eine Welle von Entdeckungen: kluge Tiere, die denken, sprechen und rechnen können. Die moderne Biologie hat an Darwins Bild vom Lebensbaum mit dem Menschen als Krone der Schöpfung die Axt angesetzt. Unsere über Jahrhunderte entwickelten und wohl gehüteten Vorstellungen von Autonomie und Vernunft brechen in sich zusammen, und die Grenzen zwischen Kultur und Wildnis, zwischen Mensch und Tier verwischen.

Roberto Zapperis Buch passt in diesen Rahmen. Der Autor, Privatgelehrte in Rom, Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg und Warburg-Professor in Hamburg, führt zurück in die Zeit, als alles begann: in die Epoche von Renaissance, Reformation, Gegenreformation und Nationalstaatsbildung. Damals schickte sich das Abendland an, Raum und Zeit zu vermessen und die ihm eigene Vorstellung von Identität und Geschichte auszuarbeiten. Sein Profil schaffte es sich durch Projektion, durch den Entwurf eines Gegenbildes. Im Zeitalter der Entdeckungen entdeckte man zuvörderst das Wilde, Fremde und Andersartige.

Zapperi rekonstruiert die Geschichte eines berberischen Ureinwohners der Kanarischen Inseln, der 1494 zuerst auf einem spanischen Sklavenmarkt auftaucht, dann am Hofe des französischen Königs Heinrichs II. eine Erziehung, eine Apanage und eine Frau erhält und mit ihr fünf Kinder bekommt. Nach Jahren der Wanderung und Trennung vereint sich die Familie Don Pedro Gonzalez, so heißt der Mann, wieder am Hof der Farnese in Parma, um schließlich unweit von deren Stammsitz, in der stillen Abgeschiedenheit eines ärmlichen Dorfes am Bolsener See (Latium) in dritter Generation auszusterben.

Das Wilde der Familie Gonzalez wurzelte weniger in der Herkunft als in einem genetischen Defekt (Hypertrichose), der erst seit Ende des 19. Jahrhunderts als Krankheitsbild wahrgenommen wird. Ihre Angehörigen litten, wie man heute weiß, unter einer totalen, hermelinartigen Behaarung des Körpers, die sich trotz arrangierter Heiraten mit "normalen" Frauen aus der Unterschicht weitervererbte. Das Haarige, Animalische von Don Pedro "Peloso" und seinen Nachkommen wurde zum Synonym für das Wilde, Andere und Bedrohliche. Besonders für die Mädchen wurde das Tierische zu einem Stigma, das sie förmlich erdrückte.

Das ist die eine, sozusagen die Seite der harten Fakten. Doch damit begnügt sich das Buch nicht. Es schildert das Schicksal der Gonzalez auf einer parallelen Ebene noch einmal: als Bildgeschichte. Die doppelte Erzähltechnik und die zum Teil fulminanten Interpretationen der Familiengeschichte im Medium der kunst- und naturgeschichtlichen Präsentation ihrer Zeit machen die Dynamik und das Fesselnde dieses Buches aus.

Wie eine Pralinenschachtel wurde die pelzige Familie von ihren weltlichen und geistlichen Gebietern weiterverschenkt. Umgeben von Hofzwergen und -narren oder als lebendige Attraktionen exotischer Tierparks trugen die Wilden dazu bei, das anschwellende Selbstbewusstsein der jungen Territorialstaaten abzubilden. Diejenigen, die solcherlei Attraktionen nicht in Persona habhaft werden konnten, schmücken die neu entstehenden Wunderkammern und Kuriositätenkabinette wenigstens mit realistisch nachempfundenen Gemälden aus. Die Entwicklung eines gebildeten Bürgertums, des Buchdrucks und anderer Möglichkeiten serieller Reproduktionen schlägt auch auf die Darstellung der Gonzalez durch. Ihr Bildnis verliert zunehmend seine personalen Züge. Sie werden zum Typus des Tiermenschen schlechthin, obwohl sie an den Höfen ihrer Gastgeber eine weit überdurchschnittliche Ausbildung erhielten.

Diese Sterotype nutzen die Gonzalez schließlich, um den Zirkel der adligen Schenk- und Herzenskreise und die Macht der Bilder zu durchbrechen und ihre Entlassung in die romantische Idylle des Bolsener Sees durchzusetzen. Enrico, der Protagonist der zweiten Generation, arbeitet hart an der Emanzipation. "Arrigo Peloso", der haarige Heiner, avanciert zum Geldverleiher und Wucherer, agiert im Dorf wie ein kleiner Machiavelli und verbraucht bis ins hohe Alter als Potenzprotz die jungen Schönheiten der Provinz reihenweise. La belle et la bête. Damit scheint eine weitere Bildebene auf und macht alle Emanzipation zunichte: die des magischen Volksglaubens. Die Gonzalez sterben aus, weil keines von Heinrichs Kindern überlebt und weil seine Schwestern als haarige Frauen im Zeitalter des Hexenwahns auf dem Heiratsmarkt einfach nicht vermittelbar waren.