Die Dekade des Gehirns war auch eine Dekade des Bewusstseins. Das die längste Zeit wissenschaftlich nicht greifbare Phänomen des Bewusstseins avancierte zum Star, und wer etwas auf sich hielt, schrieb, kaum dass das Thema auf dem Tisch war, ein dickes Buch – Dennett, Crick, Churchland, Damasio, Pinker. Gerald M. Edelman, Nobelpreisträger für Medizin des Jahres 1972, hält mit vier einschlägigen Büchern den Rekord. Gegenstand: wie denn aus dem Feuern von Neuronen bewusstes Erleben entstehen könne. Seine ebenso komplizierte wie spannende Theorie hat er nun für Einsteiger neu in Buchform gebracht.

Edelman geht von der Einsicht aus, dass auch das Gehirn in einem Prozess der Variation und Selektion entstanden sein muss, und überträgt dieses evolutionäre Grundprinzip auf die Entwicklung der neuronalen Verknüpfungen im Gehirn. Die Einheiten des evolutionären Wettstreits sind nach Edelman Gruppen von Neuronen. Während der Entwicklung von Embryo und Fötus bilden sich Variationen in den neuroanatomischen Arealen, die dann durch die Erfahrungen des Lebewesens gestärkt, abgeschwächt oder modifiziert werden und die ihre Aktivität durch zahlreiche Verbindungen koordinieren. Wie bei der Evolution der Lebewesen wird so im Gehirn Verschiedenheit erzeugt, und die am besten passenden Varianten werden gestärkt.

Das so entstehende Gehirn ist kein Computer im Kopf. Es ist degeneriert, wie die Neurologen sagen, und das ist positiv gemeint. Ein System ist degeneriert, wenn derselbe Output durch unterschiedliche Vorgänge bewirkt werden kann. Wenn ein Mensch ein Bild betrachtet, sind im einen Moment die einen, im nächsten andere Schaltkreise aktiv. Sie alle sind mit Gedächtnis- und Bewertungssystemen vernetzt, die die Kategorisierung des Wahrgenommenen erst ermöglichen, wobei die Gedächtnissysteme ihrerseits durch neue Wahrnehmungen modifiziert werden. Diese Interaktion sorgt dafür, dass wir eine einheitliche Welt wahrnehmen.

So weit das Gehirn – und wie entsteht nun Bewusstsein? Das ist einfach da. Es ist eine "simultan gegebene Eigenschaft". Die feinen Unterscheidungen, die ständig aus der Konkurrenz und Integration verschiedener Schaltkreise entstehen, bilden die bewussten Erlebnisse des Menschen. Diese selbst können nicht auf die Welt einwirken, kausal relevant sind nur die neuronalen Zustände, die ihnen zugrunde liegen.

Epiphänomenalismus heißt diese Position auf gut Philosophisch, und sie wirft die Frage auf, wozu das bewusste Erleben denn dann gut sein soll. Für die Kommunikation, antwortet Edelman. Das bewusste Erleben sei der einzige Weg für die Individuen, von ihrer kognitiven Aktivität zu erfahren und mit anderen darüber zu sprechen. "Die Ställe der Bewusstseinsforschung von Dualismus, Mystizismus und paranormalen Zuschreibungen zu reinigen", das ist Edelmans selbst gestellte Aufgabe. Am Ende der Dekade des Gehirns mehren sich die Stimmen, die meinen, eine befriedigendere Antwort als die Edelmans sei nicht zu erwarten.