Genie nennt man die naturgegebene Fähigkeit eines Menschen, bestimmte Dinge gut und mit Leichtigkeit zu tun, die andere nur schlecht schaffen könnten, selbst wenn sie sich große Mühe gäben." So bringt im frühen 18.Jahrhundert der Abbé Jean Baptiste Du Bos den Geniebegriff auf den Punkt. Seit der Renaissance war die Psychologie des Ingeniums die Frage, an der die Ungleichheit unter den Menschen zur Diskussion stand – in durchaus praktischer Absicht: In den gebildeten Ständen, wo man Karrieren durch Leistung und durch Investition in bestimmte Ausbildungen zu begründen suchte, wurde die Frage nach der spezifischen Begabung des Einzelnen vielfach lebensentscheidend.

Mit dem Abbé Du Bos geht die sensualistische oder materialistische Aufklärung davon aus, dass das Genie in nichts anderem bestehen könne als in der glücklichen Anordnung der Hirnorgane, dem Bau dieser Organe je im Einzelnen sowie in der Qualität des Blutes, das etwa die Abteilung im Gehirn, die der produktiven Einbildungskraft dient, mit übersprudelndem Geist zu versorgen habe.

Dies kann zwar kaum als naturwissenschaftlich-physiologische Erklärung des Genies gelten. Entscheidend jedoch ist das naturalistische Motiv: Die Geistesgaben, mit denen die Menschen in so unterschiedlicher Weise gesegnet sind, jenes rätselhafte "Ich-weiß-nicht-was", das über Erfolg und Misserfolg entscheidet, sollten nicht länger etwas sein, das uns gegebenenfalls als Inspiration durch wundersame Himmelsboten von außen zufliegt. Als naturgegebene Ausstattung des individuellen Charakters sollte das Genie seinen Sitz in der leiblichen Konstitution des Einzelnen haben. Die "Erklärung" des Genies wirkte als Aufforderung zur Suche.

Die Lokalisierung des Genies im Gehirn lief darauf hinaus, ein Rätsel durch ein anderes zu ersetzen. Denn man konnte weder den Mitmenschen in den Schädel schauen (zumindest nicht zu Lebzeiten) noch sich selbst. Und was sollten die Anzeichen jenes "gelungenen Baus" und der "glücklichen Anordnung" der Hirnorgane sein? Bis auf weiteres blieb das Gehirn eine "Black Box". Positives Wissen vom konkreten Aufbau der beteiligten Organe und vom Ablauf der Prozesse in ihnen gab es nicht. Was es gab, waren nur die Stereotype der physiognomischen Menschenkenntnis – Denkerstirn, Eierkopf, feuriger Blick – und die Möglichkeit, zu beobachten, wie Leute aussahen, die sich in der einen oder anderen Weise hervorgetan hatten.

An dieser Lage sollte sich über mehr als zwei Jahrhunderte nicht viel ändern. Erst seit dem 20. Jahrhundert konkretisieren sich die Theorien über den neuroanatomischen Aufbau und die Funktionsweise des Gehirns, ohne dass ein ernst zu nehmender Wissenschaftler heute behaupten würde, zu wissen, wie Bewusstsein aus den Prozessen im Netzwerk der grauen Zellen entsteht oder gar wie sich die besonders ergiebigen, folgenreichen Ideen im Kopf formieren.

In der Zwischenzeit wurden Schädel berühmter und weniger berühmter Leute abgetastet, vermessen, gesammelt und allerlei Unterschiede festgestellt. Generationen von Wissenschaftlern widmeten ihr Lebenswerk der Aufgabe, Gehirne von Toten auf materielle Konsistenz, Gewicht, Größe, Gestalt oder Windungsreichtum zu untersuchen, ihre Form in Gips abzugießen oder in Wachs nachzumodellieren, sie zu zeichnen, einzulegen in Alkohol oder Formalin, zu vergolden, in Würfel oder Scheibchen zu schneiden und tausendfältig zu beschreiben.

Die Geschichte dieser vielfach abseitig, mitunter haarsträubend wirkenden wissenschaftlichen Praktiken hat der Wissenschaftsforscher Michael Hagner, Professor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, in einer materialreich dokumentierten und blitzgescheiten Studie rekonstruiert. Dabei geht es um nichts Geringeres als die Genealogie der modernen Hirnforschung überhaupt und um das Selbstverständnis des modernen Menschen als "Hirntier" – die "Zerebralisierung des Menschen".

Diesem Thema ist Hagner seit längerem auf der Spur. Unter dem Titel Homo cerebralis untersuchte bereits seine Habilitationsschrift (1997) die Vorgeschichte der aktuellen Neurowissenschaften: den Wandel vom "Seelenorgan" – im Sinne der frühneuzeitlichen Vermögenspsychologie – zum Gehirn als dem Gegenstand der modernen Neurophysiologie und zentralem Unterscheidungsmerkmal des Menschen für eine physische Anthropologie, die die naturgeschichtliche Sonderstellung des Menschen aus der Physiologie seines Zentralnervensystems herleitet.