Erstens sollte man vorab vielleicht bedenken,dassVa-tsya--yana, der Autor des K a-masu-tra, das legendäre indische Liebeslehrbuch vor knapp zwei Jahrtausenden, wie er selbst sagt, "in Keuschheit und höchster Versenkung" verfasst hat. Zweitens ist es einführend gut zu wissen, dass es sich hier um Wissenschaft handelt, genauer um die erotische Wissenschaft, die im alten Indien als eine von drei grundlegenden Humanwissenschaften galt, neben der sozial-religiösen und der politisch-ökonomischen. Und drittens ist auch von Belang, dass diese vollständige Neuausgabe des K a-masu-tra, üppig rot und glanzvoll illustriert, wie sie sich da vor der Leserin ausstreckt, von einer führenden Religionswissenschaftlerin und Sanskritologin aus New York, Wendy Doniger, und dem renommierten indischen Psychoanalytiker Sudhir Kakar neu übersetzt, kommentiert und erstellt wurde. Von ausgefuchsten Gelehrten also, als eine Art kritischer Theorie und Edition.

Es ist ein Buch über die Liebe, na klar, aber als Handbuch, wie’s denn am schönsten ginge, lässt sich das Opus nur in sehr engen Grenzen verwenden. Schon ein erstes neugieriges Blättern durch die Illustrationen, die vor gut dreihundert Jahren ein Mensch namens Ruknuddin in Bikaner, Rajasthan, gemalt hat, kann Interessierte schnell abkühlen lassen, denn wenn eins in diesen Darstellungen sexueller Kunststücke auffällt, dann ist es die vollendete Ausdruckslosigkeit der Gesichter, die sich da blicklos in Gleichmut trainieren. Wenn hier irgendetwas auffällig fehlt, dann sind es die Leidenschaft, die Glut, das Begehren, jene Obsessionen, die Europa, getrieben von der christlich geprägten Moral der Lustfeindlichkeit, ratlos und rastlos zu verbieten oder zu kultivieren versuchte.

Man kann die Begrenztheit des Nutzwerts leicht an einem beliebig herausgegriffenen Abschnitt, zum Beispiel über die Typen des Kratzens mit den Nägeln verdeutlichen, wo es heißt: "Die ›Gänsehaut‹ entsteht, wenn Nägel mittlerer Länge nah zusammengebracht und so sacht über das Kinn, die Brüste oder die Unterlippe bewegt werden, dass sie keine Spur hinterlassen… Ein Mann kann dies bei der Begehrten tun, während er ihren Körper massiert, ihren Kopf kratzt, ihre Pickel ausdrückt oder sie durch etwas Erschreckendes ängstigt."

Die Nutzlosigkeit mag sich auch darin erweisen, dass Vorkenntnisse in altindischer Geografie für den Genuss unabdingbar zu sein scheinen: "Ein Mann sollte eine Frau entsprechend den Eigenheiten ihrer Herkunftsregion behandeln… Frauen aus Ma-lava und A-bhı-ra mögen das Küssen, Kratzen, Beißen und Saugen, und obschon sie dabei nicht gern verletzt werden, kann man sie durch Schläge dafür gewinnen." Nur lohnt es offenbar auch nicht recht, solche sexuellen Regionalstudien heute nachzuholen, denn, so sagt der Weise, "im Laufe der Zeit wandern Praktiken, Kleidungsstile und Spiele von einer Region zu anderen; auch dies sollte man wissen".

Davor, dass die Aktualisierung Probleme birgt, warnt übrigens auch der feine Humor der Herausgeber gleich zu Beginn: "Wir machen alle Leser und Leserinnen vorsorglich darauf aufmerksam, dass nach den Rezepten in diesem Buch hergestellte Salben voraussichtlich nicht dieselbe Wirkung entfalten wie bei den Menschen, die die Sanskritrezepte im alten Indien benutzten." Bedenkt man, dass unlängst eine Frau mit schweren Verbrennungen in die Klinik musste, weil sie Harry Potters Zauberkünste nachbrauen wollte, ist der Rat nicht überflüssig.

Aber was also soll man dann mit einem Lehrbuch anfangen, das im 3. Jahrhundert in Sanskrit verfasst wurde, wahrscheinlich im nordindischen Pa-taliputra, im 13. Jahrhundert seinen maßgeblichen Kommentar durch einen Herrn namens Yashodhara erfuhr, über den man ebenso wenig weiß wie über den Autor und die Entstehungszeit, und das dennoch lauter vielversprechende Tipps über jenes sexuelle Glück verheißt, das in Europa inzwischen den Swinger-Clubs und anderen kommerziellen Frustrationen von Einsamen zum Fraß vorgeworfen wurde?

Man könnte es, ein erster Vorschlag, mit einer langjährigen Freundin mittleren Alters des Abends beim einem Glas leichten Weins lesen, fern aller akrobatischen Umsetzungsnöte, heiter-gleichmütig angesichts der Etüden westeuropäischer Paare, und sich wundern über die Power, die hier den Frauen im Liebesspiel zugetraut wird. Das K a-masu-tra als frühe Unabhängigkeitserklärung der Frauen, wie der Verlag wirbt: Das wäre schon mal eine vielversprechende Lesart. Eine höchst ambivalente indes. Denn wenn das Lehrbuch den Frauen eine Stimme verleiht, wenn es ihnen ein Recht auf Lust, unabhängig von der Fortpflanzung, zuspricht, Männer auch als Objekte auffasst, die Geschlechterrollen erweitert und die Gründe erwägt, einen Mann zu verlassen, dann setzt es dennoch etwa Formen des sexuellen Missbrauchs still voraus, die ausschließlich zulasten von Frauen gehen. Und es ist doch vor allem für Männer geschrieben.

Oder, zweiter Vorschlag, man kann das K a-masu-tra, warum nicht einsam, schlicht zu ertragen versuchen. Denn dieses Buch ist vor allem eins über die Gleichgültigkeit, jedenfalls europäisch gesprochen. Es passiert einfach nichts Besonderes. Man muss immerzu auf Einmaligkeit warten und bekommt stattdessen ritualisierte Mikrodetails der Körperkontrolle samt ihren unzähligen Namen. Man muss grenzenlos Zeit haben, etwa für das metrisch versierte Rezitieren von Gedichten, für das Zähmen von Papageien oder um Muster aus Reismehl auf den Boden zu streuen.