Den Meeren geht es nicht gut. Und damit geht es zwei Dritteln des Globus schlecht. Mehr als eine Milliarde Menschen sind von tierischem Eiweiß aus dem Meer abhängig. Immer größere Schiffe, deren Investition immer weniger, immer kapitalkräftigere international agierende Unternehmen leisten, beuten mit immer großflächiger agierenden Methoden immer größere Teile der Weltmeere aus. Aquakulturen, deren ökologische Bilanz (von den – noch – wenigen nachhaltig arbeitenden Betrieben einmal abgesehen) ihrerseits verheerend ist, sollen die zurückgehenden Fänge kompensieren. Jetzt hat sich der Autor, Regisseur und Hochschullehrer Hans-Peter Roderberg der See in Not angenommen.

Dass da etwas faul ist, weiß man spätestens, seitdem Garnelenschwänze auf den Häppchen auch der mittelmäßigsten Treffen der mittleren Führungsriegen auftauchten – irgendwoher müssen die Millionen von Schalentieren kommen, und sei es aus den Fäkalbecken in den Küstengebieten Südostasiens.

Büchsentunfisch gibt es inzwischen für 60 Cent – das funktioniert nur, wenn in den kilometerlangen Netzen auch mal ein paar Delfine verrecken dürfen. Dagegen sind die Luxusrestaurants der Industriestaaten und der ihnen angeschlossenen Tourismusgebiete der Dritten Welt von Jahr zu Jahr hektischer bemüht, den wahren Fisch, den sonst keiner mehr kriegt, auf den Tisch zu bringen. Was dazu führt, dass im Hochschwarzwald Seeteufel, Rotbarben und Hummer serviert werden (und finnischer Wildlachs in Dubai).

Die Staatsbetriebe des sozialistischen Blocks verschonten uns mit allzu genauen Kenntnissen der Gewinnung vom grauen Gold Kaviar, das hat sich geändert – ein auch nur halbwegs einsichtiges Schlemmergewissen sollte erhebliche Intervalle zwischen die Verzehranlässe von jeweils 50 Gramm Malossol einbauen, um wenigstens eine winzige Chance zu eröffnen, dass in 100 Jahren noch Störe leben und unsere Nachkommen dann und wann die Tränen des Odysseus zu sich nehmen können.

Rodenberg lässt kein Thema aus: die Kabeljau/Dorsch-Überfischung, die traditionelle Walrossjagd in Sibirien, der Umweltpreis, der für intensiv-industriell betriebene Aquakulturen bezahlt werden muss, die Wahnvorstellung von Chinesen und Japanern hinsichtlich der Erektionsförderung durch den Genuss von Haifischflossen, und was das für die Haie bedeutet.

Der Zusammenhang zwischen Fooddesign, industrieller Überfischung, Aquakultur und ökologischer Balance wird sachlich erzählt, die Moral bleibt nach Art eines Generalbasses auf die einzig wichtige Frage in diesem Zusammenhang reduziert: Wird es auch mittel- und langfristig Leben im Meer geben? Wer das zu allgemein findet, der hat das Buch nicht zu Ende gelesen – die Beispiele für regionale und nachhaltige Fischerei und Aquakultur, für die Rettung von Korallenriffen beruhigen im Gesamtbild beileibe nicht. Doch machen sie Hoffnung für das Meer.

"Es nehmet aber / und gibt Gedächtnis die See" – Friedrich Hölderlin sah einmal in seinem Leben das Meer und wusste Bescheid. Man versteht das mit Rodenbergs Buch noch besser.