Der Mensch als Fristenlösung

Keine Frage, die Zeit ist knapp. Die Kürze des Lebens steht in einem argen Missverhältnis zur Fülle unserer Aufgaben, Ziele und Wünsche. Auch andere Dinge sind knapp: das Geld, die Arbeit und das Vergnügen. Die Zeit ist jedoch ein besonderes Mangelgut. Sie geht uns jeden Tag ein Stück weit verloren und lässt sich durch nichts auf der Welt zurückgewinnen.

Über dieses Phänomen hat der Romanist Harald Weinrich ein – wie sollte es anders sein – knappes, aber umso gehaltvolleres Buch geschrieben. Sein Leitmotiv ist der berühmte Satz des griechischen Arztes Hippokrates: "Kurz ist das Leben, lang ist die Kunst." Er bringt das Dilemma auf den Punkt und eröffnet zugleich die Suche nach Auswegen: Wenn die Zeit nicht ausreicht, um alle Dinge zu erledigen, müssen wir das Leben verlängern oder das Pensum unserer Aufgaben kürzen.

Gefragt ist also ein maßvoller Umgang mit der Zeit, der die antiken Philosophen Theophrast und Seneca dazu veranlasst, die Zeit mit dem Geld zu vergleichen und angesichts der Lebenskürze (De brevitate vitae) zum sparsamen Gebrauch mit dem kostbaren Gut aufzurufen. Damit ist der Grundstein zu einer "Chrono-Ökonomie" gelegt, die den gesamten Alltag dem Diktat der sinnvollen Nutzung unterwirft. "So vieles ist zu tun", schreibt der Humanist Leon Battista Alberti, "deshalb ordne ich alles, erwäge es und weise jeder Sache ihre eigene Zeit zu."

Dieser frühen Form des Zeitmanagements entsprechen die Versuche, die Spanne des Lebens auszudehnen, das normalerweise mit 35 Jahren seinen Zenit überschritten hat. So widmet sich der Arzt Hufeland, zu dessen Patienten Goethe und Schiller zählten, der Kunst der "Longävität", der Langlebigkeit durch makrobiotische Ernährung, während Dorian Gray in der gleichnamigen Erzählung von Oscar Wilde dem Verrinnen der Zeit zu entkommen trachtet, indem er den Prozess des Alterns seinem Porträt aufbürdet.

Der christliche Glaube ans Jenseits bildet einen weiteren Weg, sich mit der Kürze des Lebens zu arrangieren. Allerdings um den paradoxen Preis, dass nun das Dasein selbst unter Rechtfertigungsdruck gerät und der Mensch im Zwischenreich des "Purgatoriums" (Dante) Buße für seine Sünden üben muss oder durch "innerweltliche Askese" (Max Weber) Anspruch auf göttliche Gnade erwirbt. Die Rationalisierung der Zeit spiegelt sich auch in Benjamin Franklins Devise "time is money" wider. Sie wird zum kategorischen Imperativ der Marktwirtschaft, der nichts mehr widerspricht, als die wertvolle Ressource Zeit ohne Rendite zu vergeuden.

Man könnte im zweckgerichteten Umgang mit der Zeit einen weiteren Beleg für die Verwandtschaft von Kapitalismus und Religion sehen. Viel interessanter ist jedoch die – von Weinrich leider nicht aufgeworfene – Frage, ob es ohne Eschatologie überhaupt eine Diktatur der Zeitknappheit gäbe. Ist die Lehre von den letzten Dingen nicht der Grund dafür, dass die begrenzte Lebenszeit als Problem erfahren wird? Denn ohne Hoffnung auf ewiges Leben und den Zwang zur weltlichen Bewährung fehlte der existenzielle Druck, der die temporale Knappheit überhaupt erst erzeugt.

Dass das Ende der Zeit nicht nur eine Verheißung, sondern ebenso eine permanente Bedrohung darstellt, zeigen die verschiedenen Bewältigungsstrategien, die Weinrich thematisiert. Zu ihnen gehören die Suche nach dem "Kairos", dem günstigen Moment des Handelns, und dem "erfüllten Augenblick", der dem gleichgültigen Zeitstrom abgetrotzt wird. Oder das rhetorische Gesetz der sprachlichen Kürze, das unnötige Lesezeit erspart, aber auch der Sinn für Traditionen, der zur Bewältigung des Neuen durch die Orientierung am Alten führt.

Um die Öffnung der "Schere zwischen Lebenszeit und Weltzeit" (Hans Blumenberg) möglichst schmal zu halten, hat der moderne Mensch seine Existenz ins Korsett der Frist gezwängt. Terminfristen und Rechtsfristen sorgen dafür, dass sich innerhalb des Minimums an verfügbarer Zeit ein Maximum an Verbindlichkeiten unterbringen lässt. Dem "Sein zum Tode", durch das der Mensch nach Heidegger gekennzeichnet ist, korrespondiert in der Fristengesellschaft die Deadline, mit der Vereinbarungen und Abkommen versehen werden.

Der Mensch als Fristenlösung

Die Fristenlösung, die der Mensch sich ersonnen hat, um sein Leben in den Griff zu bekommen, ist er selbst. So könnte die Quintessenz dieses überaus materialreichen und lesenswerten Buches lauten. Weinrichs Kunst besteht darin, in der Nacherzählung literarischer und philosophischer Texte die "hippokratische Zeit" spürbar zu machen, die auf uns endlichen, allzu endlichen Lebewesen lastet. Nicht von ungefähr lässt sich das lateinische Wort tempus mit "Zeit", aber auch mit "Schläfe" übersetzen. Im Pulsschlag der Zeit wird der Mensch an seine Sterblichkeit erinnert, vor der es keine Ausflucht gibt.

Es zeigt sich vielmehr, dass sämtliche Versuche, durch den Glauben ans Jenseits oder lebenszeitliche Beschleunigungen den Fristcharakter des Daseins zu überwinden, ihn letztlich nur verstärken. Weinrichs Buch ist deshalb auch ein Plädoyer dafür, sich der Kürze des Lebens bewusst zu werden, um seine Knappheit bewältigen zu können. Das Beste, hat Tucholsky einmal in Abwandlung einer antiken Weisheit gesagt, ist es, nicht geboren zu werden – nur wem passiere das schon? Das Zweitbeste, so ließe sich nach der Lektüre sagen, ist es, das zeitliche Finale vor Augen zu haben, um es möglichst unbeschadet zu überstehen.