Die Fristenlösung, die der Mensch sich ersonnen hat, um sein Leben in den Griff zu bekommen, ist er selbst. So könnte die Quintessenz dieses überaus materialreichen und lesenswerten Buches lauten. Weinrichs Kunst besteht darin, in der Nacherzählung literarischer und philosophischer Texte die "hippokratische Zeit" spürbar zu machen, die auf uns endlichen, allzu endlichen Lebewesen lastet. Nicht von ungefähr lässt sich das lateinische Wort tempus mit "Zeit", aber auch mit "Schläfe" übersetzen. Im Pulsschlag der Zeit wird der Mensch an seine Sterblichkeit erinnert, vor der es keine Ausflucht gibt.

Es zeigt sich vielmehr, dass sämtliche Versuche, durch den Glauben ans Jenseits oder lebenszeitliche Beschleunigungen den Fristcharakter des Daseins zu überwinden, ihn letztlich nur verstärken. Weinrichs Buch ist deshalb auch ein Plädoyer dafür, sich der Kürze des Lebens bewusst zu werden, um seine Knappheit bewältigen zu können. Das Beste, hat Tucholsky einmal in Abwandlung einer antiken Weisheit gesagt, ist es, nicht geboren zu werden – nur wem passiere das schon? Das Zweitbeste, so ließe sich nach der Lektüre sagen, ist es, das zeitliche Finale vor Augen zu haben, um es möglichst unbeschadet zu überstehen.