Wer das Weltbild der Gewerkschaften unter die Lupe legt, bekommt nicht viel zu sehen. Wo früher eine politische Idee war, gähnt heute ein weißer Fleck. Gewerkschaften verteilen den Zuwachs, und wenn er ausbleibt, bewirtschaften sie den Mangel, wie jetzt in Wolfsburg. Mit Trillerpfeife und Plastiksack verkörpern sie den unsichtbaren Feudalismus der Arbeitsplatzbesitzer. Ihre politische Fantasie zielt nicht auf eine Gesellschaft, in der sich alle gerecht die Arbeit teilen. Sie klebt an einem lokalen Mythos, am Haustarif.

Auch das Weltbild der Unternehmer lohnt einen Blick, gerade in Wolfsburg. Dort zeigt es sich besonders prächtig, es ist in Architektur gegossen und immer gut besucht. Eine halbe Milliarde Euro hat der Konzern für seine gigantische Selbstdarstellung ausgegeben. In den Pavillons der "Autostadt" wachsen VW-Modelle organisch aus dem Herzen der Natur oder werden von gottgleichen Künstlern aus Tropenhölzern geschnitzt. Neufahrzeuge schweben aus riesigen Tabernakeln auf die Erde, von wartenden Käufern gläubig empfangen. Bentley, Bugatti, Lamborghini und Phaeton heißen die heiligen Edelsteine im surrealen Kranz der Wolfsburger Kultreligion, die gebaut wurde, als die New Economy noch in voller Blüte stand. Heute steht sie für die Maßlosigkeit einer Zuwachsgesellschaft, die den Hals nicht voll kriegt. Sogar der Bau eines 1000-PS-Boliden spukte damals durch die Köpfe. Autos mit Rußfilter aber kommen aus Frankreich.

Vieles spricht dafür, dass das VW-Management den Traum gar nicht selbst geträumt hat, sondern sich ihn von Unternehmensphilosophen aufschwatzen ließ. Solche Berater gibt es wie Sand am Meer. Sie schreiben Bücher mit dem Namen Smart Capitalism (Matthias Horx) und glauben tatsächlich, die Marktwirtschaft erfülle heute die Funktion der Religion. Was einmal Gott war, sei heute das Geld. Deshalb müssten die kapitalistischen Waren als Kultgegenstände inszeniert werden, als Tanz um das Goldene Kalb. Wie in der Autostadt.

Besonders verhängnisvoll aber war die Behauptung der Unternehmensphilosophen, Konsumenten würden heute keine Autos mehr kaufen, sondern rollende Mythen und mobile Codes. In einer postmodernen Welt, die angeblich nur aus Zeichen besteht, erwerbe der Käufer keinen Nutzwert – er kaufe ein Symbol und genieße die "Spiritualität des Konsums" (Norbert Bolz). Oben strahlt ein Phaeton, und von seinem Glanz zehrt unten noch der Golf, der sich dann wie von selbst verkauft.

Ein paar Jahre haben die VW-Manager diesen Unsinn geglaubt. Heute wissen sie es besser. Wenn ein notorisch defekter VW-Fensterheber bei Regen auf der Autobahn den Geist aufgibt, verlangt der Kunde nicht nach einem Mythos, sondern nach dem Schraubenzieher.

Auch wenn keiner entlassen wird, so sind es die Beschäftigten, die den neureichen Wahn aus der fabelhaften Welt der Unternehmensphilosophen ausbaden müssen. Sollte es noch schlimmer kommen, gibt es ja noch Hartz IV, benannt nach einem VW-Manager. So greift ein Rädchen ins andere. Für Arbeitslose empfiehlt sich dann ein Besuch der Autostadt. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Thomas Assheuer