Spät an einem Freitag, als sich der Handel an der Londoner Börse auf das Wochenende einstellte, schoss der Aktienkurs von Manchester United auf einmal nach oben: Unerwartet kaufte der amerikanische Milliardär Malcolm Glazer ein großes Aktienpaket. Glazer will mit aller Macht den Fußballklub übernehmen – oder ihn den Fans wegnehmen. So wenigstens sehen es die Anhänger des Klubs.

Manchester United ist nicht irgendein Verein, sondern für 75 Millionen Menschen so etwas wie eine Religion. Ihre Kirche ist das Stadium Old Trafford am Stadtrand von Manchester. Und ihr Fußballklub ist der größte der Welt. Gerade hat Vodafone den Sponsorenvertrag verlängert, gibt in den nächsten vier Jahren unglaubliche 36 Millionen Pfund (52 Millionen Euro) dafür aus, dass ihr Logo auf den Spielerhemden prangt. Mit Nike läuft seit 2002 ein 13-Jahres-Vertrag im Wert von insgesamt 300 Millionen Pfund. Fans bezahlen mit der klubeigenen Visa-Karte, telefonieren mit "Man United"-Handys.

Menschen zum Kaufen zu überreden, damit hat Malcolm Glazer, 75, sich sein Leben lang beschäftigt. Seine Holding First Allied Corporation macht Geschäfte mit Fertiggerichten und Fischkonserven, Fernsehstationen, Immobilien, Bankbeteiligungen und Gas- und Erdölvorkommen. Rund 17000 Menschen arbeiten für ihn.

Bereits 1995 probierte Glazer seine Fähigkeiten an einem Sportklub aus. Für 190 Millionen Dollar kaufte er den American-Football-Klub Tampa Buccaneers und machte aus dem mittelmäßigen Verein einen Super-Bowl-Sieger. Heute sind die Buccaneers 671 Millionen Dollar wert. Kaum war Glazer im Besitz der Buccaneers, hob er die Eintrittspreise drastisch an.

Nach einem fehlgeschlagenen Versuch, den Erfolg in Florida mit den Los Angeles Dodgers zu wiederholen, erwarb Glazer Anfang des Jahres 19,7 Prozent der Klub-Aktien von Manchester United – für 140 Millionen Pfund. Er habe aber keine "unmittelbaren Pläne", den Klub ganz zu übernehmen, sagte er. Dann sickerte durch, er wolle seinen Anteil auf über 30 Prozent der Aktien anheben. Das war der Fehdehandschuh. Wer 30 Prozent plus einer Aktie hält, muss allen anderen Aktionären ein Übernahmeangebot machen. Hält ein Investor 50 Prozent plus einer Aktie, dominiert er den Klub; mit 90 Prozent plus einer Aktie kann er alle anderen Aktionäre zwingen, an ihn zu verkaufen: Der Klub würde von der Börse genommen.

Womöglich wäre es sogar besser für den Klub, keine Rücksicht auf Aktionäre nehmen zu müssen. "Ein herausragender Klub könnte so viel besser operieren", sagt Glazer. Chelsea, der Klub des Ölmilliardärs Roman Abramowitsch, sei ein gutes Beispiel. Nachdem er 60 Millionen Pfund für den Verein bezahlt hatte, fing der junge Russe mit dem Geldausgeben erst richtig an und legte 190 Millionen Pfund für neue Spieler auf den Tisch. Die Bilanz des Klubs hätte solche Ausgaben niemals erlaubt.

Aber Manchester United ist einer der gesündesten Klubs überhaupt. Die Probleme, die das Management von Borussia Dortmund plagen, einen Schuldenberg von 119 Millionen Euro, kennt man in Old Trafford nicht. Zudem, fürchtet man, würde Glazer sich den Deal im Nachhinein von den Fans finanzieren lassen. Durch seine Attacke hat er den Preis der Aktien weiter in die Höhe geschraubt – zu viel Geld für ihn. Er musste sich Geld leihen. Nach einer erfolgreichen Übernahme würde aus einem profitablen Klub deshalb über Nacht ein hoch verschuldeter. Glazer, fürchten Fans, würde die Eintrittspreise erhöhen, Schals, Kaffeebecher und Fußbälle verteuern.

"Wenn Mr. Glazer es auf einen Kampf ankommen lassen will, kann er ihn haben", sagt Fan-Vertreter Jules Spencer. "Wir haben schon einmal einen Kampf gegen Goliath gewonnen." Das war 1999, als der mächtige Verleger Rupert Murdoch seinen Fernsehsender BSkyB vorschickte, um Man United zu schlucken. Damals gründeten 10 000 Kleinstaktionäre Shareholder United, alarmierten Politiker und schlugen den Angreifer mit deren Hilfe in die Flucht. Jetzt organisieren die Fans ihre Truppen neu. Shareholder United besitzt immerhin 1,4 Prozent aller Klub-Aktien. Daraus sollen so schnell wie möglich 10 Prozent plus einer Aktie werden. "Allein am ersten Tag haben wir 400 neue Mitglieder bekommen", heißt es bei Shareholder United. Einen Tag später flossen 750000 Pfund von einem anonymen Geldgeber in die Kriegskasse. Tausende von Kleinaktionäre sollen angeschrieben werden, auch die Sponsoren will man auf die richtige Seite bringen.