Der Bauer wohnt in der Kate, der Bürger in der Villa und der Edelmann im Schloss. Aber wo wohnt der Dichter? Gibt es die standesgemäße Dichterwohnung? Ist es der Elfenbeinturm, sind es die Wolken – oder genügt ein Plattenbau?

Bild erklärte vorige Woche den Schriftsteller Andreas Maier zum "Verlierer", weil der sich, statt sich über ein Stadtschreiberstipendium in Potsdam zu freuen, über seine künftige Wohnung beklagt habe, einen Plattenbau. Laut Bild habe Maier "gemeckert", Stipendiaten lasse man "in der Regel in einem Schloss oder einer Villa wohnen, nicht aber in der ›Platte‹". Maier, Jahrgang 1967, war bekannt geworden durch seine Romane Wäldchestag (2000) und Klausen (2002). Er erzählt am Telefon, es gebe in Potsdam Streit um das angemessene Domizil für dieses erste Stadtschreiberstipendium. Gegen die Idee, den Dichter am Stadtrand in einem Plattenbau billig unterzubringen, hätten Juroren Einspruch erhoben. Daraufhin habe ihn eine örtliche Journalistin gefragt, was er davon halte. Darauf Maier: Er könne dazu nichts sagen, da er die Wohnung nicht kenne. Frage: Er habe schon einige Stipendien erhalten, wo er da gewohnt habe? Maier: Einmal im Schloss Wiepersdorf, ein andermal in einer Villa an der Ostsee. Daraus sei dann die dpa-Meldung entstanden: Maier wolle nicht in die "Platte", sondern bestehe auf einem Schloss oder einer Villa. Inzwischen habe die Jury eine Vermieterin ausfindig gemacht, die eine Wohnung im Zentrum mietfrei anbiete; allerdings müsse die Stadt die Betriebskosten zahlen, für vier Monate. Das scheine der Stadt zu teuer. Jetzt, so Maier, könne er nur noch alles falsch machen: Gehe er in den Plattenbau, seien die Jury und die spendable Vermieterin beleidigt; lehne er ab, seien die Potsdamer beleidigt; komme er, der aus Bad Nauheim stammende Wessi, überhaupt nicht, dann seien alle beleidigt.

Johann Peter Hebels Geschichte von dem Bauern und seinem Sohn, die auf einem Esel in die Stadt reiten und allen Ratschlägen der Passanten gehorsam Folge leisten, dergestalt, dass erst der Vater auf dem Esel sitzt, dann der Sohn, dann beide, endet damit, dass Vater und Sohn den Esel gemeinsam in die Stadt tragen. Was in Andreas Maiers Fall darauf hinausliefe, dass er den Potsdamern ein portables Stadtschloss mitbringen müsste. Er könnte es immer mit sich führen und von Stadtschreiberort zu Stadtschreiberort ziehen, von Potsdam nach Bergen und nach Mainz und Hameln und Duisburg und Erfurt und all den tausend dichterfreundlichen Gemeinden dieses Landes, wo Resopaltische und Isofenster leerer Vorstadtwohnungen auf den Poeta laureatus warten. "Da kommt der Maier mit seinem Schloss", würden alle rufen, und endlich hätte er eine Bleibe. Aber wir sind nicht im Märchen, wir sind in Potsdam.

Curzio Malaparte wohnte auf Capri, Gerhart Hauptmann in einem schönen Häuschen auf Hiddensee, Rilke auf dem Schloss Duino, Thomas Mann in Kilchberg mit Blick auf den Zürichsee. Wo aber, um Himmels willen, wird Andreas Maier wohnen?