Mit einem Ton wird alles anders. Metallisch, beinahe wie eine Sirene, durchschneidet das Bandoneon die dicke Luft über der rappelvollen Tanzfläche. Wo eben noch ein Gewusel aus Armen und Beinen zu HipHop und Dancehall-Reggae zuckte, ist plötzlich Stille. Dann setzt ein Stakkato von Akkorden ein. Ist das Tango? Nicht nur. Darunter läuft ein Breakbeat. Ein Mann, Mitte 30, greift seiner Partnerin um die Taille und biegt sie hintenüber, bis ihre langen rotblonden Haare fast den Boden berühren. Applaus.

Das Le Baron in der Avenue Marceau ist eine hippe Adresse des Pariser Nachtlebens, versteckt in einer großbürgerlichen Gegend, dem so genannten Goldenen Dreieck. Hier ist die Dichte an Louis-Vuitton-Shops vermutlich noch höher als die Dichte an Louis-Vuitton-Taschen. Das Le Baron diente bis vor kurzem der Völkerverständigung zwischen Damen aus Osteuropa und Geschäftsleuten aus aller Welt. Doch seit der Club eine strategische Neuausrichtung zum Tanzlokal erfuhr, kommt ein anderes, jüngeres Publikum. Unverändert blieb das Ambiente, es blieb auch der gebeugte Portier mit den schiefen Schultern.

"Vielleicht war Tango schon im Ursprung eine Parodie"

Heute ist weit nach Mitternacht eine feierfreudige Entourage von einer Ausstellungseröffnung im nahe gelegenen Palais de Tokyo herübergeschwappt. Man ist für einen Dienstagabend sehr entschlossen, sich zu amüsieren, trinkt Schaumwein für 120 Euro die Flasche und tanzt ausgelassen zu allem, was der DJ auf den Teller legt. Der Ton des Bandoneons beginnt zu fliegen. Jeder hier kennt diesen Klang. Er stammt vom Gotan Project, einer Pariser Band, deren elektrisierte Version des Tangos ein Welterfolg wurde.

Vor ein paar Jahren noch schien Tango ein Fossil. Menschen unterhalb der Pensionsgrenze dachten dabei an Pomade und Mottenkugeln. Nun gibt es ihn wieder, und seine zweite Hauptstadt ist Paris. Unzählige Tanzveranstaltungen, milongas genannt , finden hier jeden Abend statt. Im Sommer wird am Quai Saint-Bernard unter freiem Himmel getanzt. Und nicht nur aficionados schätzen den wehmütigen Klang des Bandoneons. Tango hat den Dancefloor erobert. Er gehört zum Soundtrack der Nacht.

Philippe Cohen Solal, einer der drei Macher des Gotan Project, steht im Le Baron am Rand der Tanzfläche und verfolgt, wie seine Musik feierlich, aber nicht allzu ernsthaft begrüßt wird. Zwei Frauen winden sich umeinander wie Schlangen. Ein weiteres Paar fasst sich an den Händen, dann noch eins. Bald ist die Tanzfläche wieder voll. Männer schauen in gespielter Starrheit über die Schulter ihrer Partnerin, Frauen wirbeln lachend um die eigene Achse. Jeder erfindet seinen eigenen beschwipsten Tanz.

"Vielleicht war Tango schon in seinem Ursprung eine Parodie", sagt Philippe Cohen Solal. Der Überlieferung nach verballhornten die schwarzen Tagelöhner in Buenos Aires, Nachfahren der afrikanischen Sklaven, die steifen Tanzrituale der Weißen. "Die Weißen kopierten ihre eigene Parodie." Wir sitzen am nächsten Nachmittag im Studio des Gotan Project. An der Wand hängen Goldene Schallplatten für das Album La Revancha del Tango. Ihre ersten CDs lieferten Philippe und seine Kollegen noch eigenhändig an die Läden aus. Jetzt werden sie in den Megastores an den Champs-Elysées mit großen Plakaten beworben. Gotan Project – der Name ist einfach die Umkehrung des Wortes Tango – läuft in Werbespots, in Sex & The City und einem halben Dutzend Filmen, darunter Die Bourne Identität und Shall we dance? mit Richard Gere und Jennifer Lopez.

Philippe Cohen Solal ist ein heiterer, gelassener Geist und Musikkenner mit enzyklopädischem Wissen. Jahrelang hat er seine eigene Radiosendung moderiert. Jetzt, mit 43 Jahren, reist er als gefeierter Discjockey durch ganz Europa. An diesem Tag jedoch, im Studio, Keller, 2. Hinterhof, nicht weit vom Gare du Nord, ist konzentrierte Arbeit angesagt. Nini Flores, der Bandoneon-Spieler, sitzt in der schalldichten Kabine und nimmt einen Part auf, bei dem er eine Gesangsstimme umschmeicheln soll. Edouardo Makaroff, der Gitarrist, hat das Stück komponiert und erläutert noch einmal das Arrangement. Christoph Müller, geborener Schweizer, startet die Aufnahme am Computer. Die Software zählt die Takte vor. Dann singt eine Frauenstimme von romantischen Treffen " en un café de ciudad ", und Flores presst dazu traurige, flirrende Gefühlsfilme aus dem Balgen. Seine Melodien sind wie die letzten Sonnenstrahlen an einem Herbsttag. Süße, reine Melancholie. Während sie sich in Wellenformen auf dem Bildschirm verwandelt, goutieren die drei hinter dem Mischpult die Musik seufzend wie alten Wein. Nach jedem Durchgang bitten sie Flores, es noch einmal anders zu versuchen. Er zaubert bei jedem Anlauf ein komplett neues Stück aus dem fünf Kilo schweren Kasten auf seinen Knien.