Ein Techniker rückt die Dekoration für das letzte Rededuell Bush/Kerry zurecht. Nun will der Sieger die Welt ordnen

Washington

Der Kampf um den Wahlsieg 2008 beginnt für die Demokraten mit der Fehleranalyse 2004. Wer Stanley Greenberg zuhört, dem Hausdemoskopen des Kandidaten Kerry, wird glauben, nicht viel sei falsch gelaufen. Nie zuvor, sagt Greenberg, hätten so viele Wähler einen Demokraten gewählt. Die Entscheidung sei "knapp" ausgefallen, "sehr knapp". So knapp, dass "70000 Wähler" in Ohio das Ergebnis auf den Kopf hätten stellen können: "Dann berieten wir jetzt nicht über die Niederlage, sondern feierten den Sieg." Nach dieser Logik reicht beim nächsten Mal eine minimale Veränderung – ein charismatischer Kandidat oder eine demografische Verschiebung –, und schon sind die Demokraten wieder dran.

Wäre diese Analyse unter Demokraten keine Minderheitenmeinung, so läge darin der Keim der nächsten Niederlage: Realitätsverweigerung statt Neuorientierung. Das Wahlergebnis lässt sich nämlich auch so beschreiben: Die Demokraten waren einig wie selten, mobilisiert wie nie, hatten mehr Geld als die Konkurrenz, einen seriösen (wenn auch nicht fehlerfreien) Kandidaten, einen verwundbaren Präsidenten zum Widersacher – und verloren trotzdem. Nicht "knapp", sondern mit 3,5 Millionen Stimmen Abstand. Drei Viertel der Landfläche Amerikas sind fest in republikanischer Hand. In 23 Staaten waren die Demokraten niemals konkurrenzfähig und lagen am Ende bei höchstens 40 Prozent. George Bush gewann sogar in den urdemokratischen Ländereien des Mittleren Westens dazu. Im Süden gibt es nicht einmal mehr einen demokratischen Brückenkopf. Dort wurde kein einziger Senatskandidat gewählt. Die Demokraten, Minderheit in beiden Parlamentskammern, sind quasi zur Regionalpartei herabgesunken. Bush gewann Mehrheiten unter weißen Männern und Frauen, unter Protestanten wie Katholiken, Verheirateten, Menschen über 30, Wählern ohne College-Abschluss. Er gewann 26 der 28 Staaten mit dem niedrigsten Pro-Kopf-Einkommen. Er legte bei den Minderheiten zu, vor allem bei Latinos. Sein Vorsprung unter Christen und in der Fläche ist so gewaltig, dass als Faustregel gelten kann: Land hat über Stadt gesiegt, traditionelles über modernes, moderat religiöses über säkulares Amerika – eine Umkehrung der westlichen Modernisierungsgeschichte seit der Industrialisierung.

Es gibt eine schlafende Mehrheit. Sie steht rechts

Vor vier Jahren flüchteten sich die Demokraten in die Vorstellung, das Verfassungsgericht habe ihnen im Florida-Disput den verdienten Wahlsieg gestohlen. Diese Opferhaltung erlaubte es ihnen, sich nicht reformieren zu müssen. Sie würden 2004 nur die Basis besser mobilisieren müssen, und der Wahlsieg falle ihnen zu. Die Niederlage zerstört nun die Illusion, es gebe eine schlafende linke Mehrheit in Amerika. Wie sich zeigt, gibt es eine schlafende Mehrheit. Doch die steht rechts.

Wer nicht John Kerry nahe steht und sich an den Mythos von der "knappen Niederlage" klammert, stellt sich langsam dieser Einsicht. Die Konsequenzen sind freilich umstritten. Die Parteirechte will nach rechts, die Parteilinke nach links. Deren Symbolfigur hat den Fraktionskampf am Montag eröffnet. Howard Dean meint: "Wir wünschen uns den Sieg so sehr, dass wir vergessen, wofür wir eigentlich stehen." Die Partei sei auf dem Weg "in der Mitte zu weit gegangen". Das Land brauche nicht "zwei republikanische Parteien". Als Beweis gilt dem Dean-Flügel die Strategie John Kerrys. Erst als sich der Kandidat zum Frontalangriff auf den Irak-Krieg entschlossen hatte, sei das Rennen um die Präsidentschaft spannend geworden. Daraus folgt: Anderssein hilft, Ähnlichsein nicht.

Die Demokraten zur Antikriegspartei zu erklären führe auf geradem Weg ins Verderben, meint der moderate Clinton-Flügel. Die Partei werde auf Jahre unwählbar – wie nach 1968, als sie sich gegen den Vietnam-Krieg wandte. Leon Panetta, Stabschef im Weißen Haus unter Clinton, wähnt sich schon nicht mehr "in der alten Partei" des Falken Franklin D. Roosevelt, sondern in jener "von Michael Moore und Fahrenheit 9/11".