Den morbiden Briten wird im kommenden Winter etwas geboten. Der Fernsehsender Channel 4 sucht gerade Freiwillige - für eine öffentliche Verwesung. In Zusammenarbeit mit dem Londoner Science Museum will der Sender sterbliche Hüllen zur Schau stellen. Wer sich meldet, darf sich vor laufender Kamera von Maden zernagen lassen. An Testpersonen wird es wohl nicht mangeln.

Die Wahrscheinlichkeit, im allerletzten Versuch eine Fernsehberühmtheit zu werden, ist in diesem Fall ziemlich groß.

Dies ist ein wissenschaftliches Experiment, betont Kevin Lygo, Fernsehdirektor bei Channel 4. Es ist ein ernst zu nehmendes Thema, zu beobachten, was nach dem Tod mit unserem Körper geschieht. Die Forschergemeinde müsse zugeben, heißt es in seiner Erklärung, beschämend wenig darüber zu wissen.

Ist die Wissenschaft bei ihrem Erkenntnisgewinn über Verwesungsprozesse tatsächlich auf das Fernsehen angewiesen? Kaum. In der Anthropological Research Facility der University of Tennessee in Knoxville (USA), auch Bodyfarm genannt, lernen Studenten der Anthropologie, welche Stadien eine Leiche im Lauf ihrer Verwesung durchlaufen kann. Drei Dutzend Leichname freiwilliger Körperspender liegen und hängen derzeit dort herum.

Ihre Totenruhe hält sich in Grenzen. Jedes Wochenende trampeln 108 000 Menschen quasi über ihre Köpfe hinweg - während der Baseball-Saison. Denn die Bodyfarm liegt zum Teil in den Kellergewölben des universitätseigenen Stadions. Hier lernen die Studenten, welche Spuren Insektenfraß hinterlässt, welchen Einfluss ein Betonbett auf den Verwesungsprozess hat oder wie Mumifizierung die Zersetzung verlangsamt. Internationale Wissenschaftler sind hier gern gesehene Gäste. Fragt sich also, warum die britischen Forscher nicht lieber in ein Ticket nach Knoxville investieren, statt ihre Zeit in Abendunterhaltung zu stecken.

Was den Hang zum Morbiden angeht, könnten die Niederländer locker mit den Briten mithalten: Im September 2001 strahlte der Sender Vara den Spielfilm Necrocam aus. Darin schließen vier Freunde einen Pakt: Wer zuerst stirbt, soll eine Webcam im Sarg installiert bekommen, um die berühmteste Leiche des Internet zu werden. Die Schlusssequenz des Films zeigt im Zeitraffer das Gesicht des Hauptdarstellers, zerfallend unter dem Ansturm kleiner weißer Tiere.

Channel 4 wird sich über hohe Einschaltquoten freuen können. Wir Menschen neigen nun mal zum Voyeurismus, erklärt Reiner Sörries, Leiter des Museums für Sepulkralkultur in Kassel, die Faszination des Todes. Schon im Mittelalter besuchten die Menschen leidenschaftlich gerne öffentliche Hinrichtungen. Als Kenner der Bestattungsbranche weiß er aber auch, dass den Maden schlechte Zeiten bevorstehen. Schon jetzt liegt der Anteil der Feuerbestattungen in Deutschland bei 45 Prozent, Tendenz steigend. Somit erfüllt der geplante Verwesungsspaß am TV bald noch einen ganz anderen Zweck: die historische Dokumentation eines aus der Mode geratenen Brauchs.