DIE VILLA CRESPI zu Lande und ein Picknick zu Wasser

Wir sollten nicht versäumen, Orta zu besuchen, hatte ein Bekannter dringend geraten. Es gebe dort ein bizarres Schlösschen, das von Hochzeitsgästen bevorzugt werde und absolut lohnend sei. Orta liegt am Ortasee, und die Fahrt dorthin führt am Lago Maggiore entlang südwärts über die Grenze nach Italien und ist kaum weniger enervierend als der gestrige Kurvenslalom. Viel Verkehr, durchgehendes Überholverbot und immer hässlicher werdende Architektur.

Italienische Verhältnisse eben.

Dann endlich Orta und gleich an der ersten Kreuzung die Villa Crespi. Das Traumhaus eines Tuchhändlers, Mitte 19. Jahrhundert, mit orientalischen Ornamenten übersät wie eine arabische Buttercremetorte, die Streuselkuchen sein will. Innen geht es noch wüster zu, dabei sind die Gänge und die Räume eher kleinwüchsig. Aber der Garten ist ein Park, also groß. Das ist auch die Weinkarte, die man getrost riesig nennen kann. Wir sind die einzigen Gäste und essen unter den marokkanischen Arkaden hinter dem Haus ganz hervorragende Dinge, auch wenn der Tempurateig kaum dünner ist als der für die Makkaroni. Nicht billig, wie überall, wo der Euro regiert. Als wir gehen, fahren die ersten Gäste für die abendliche Hochzeitsfeier vor.

Abends - muss der Mensch abends essen? Wenn er tagsüber nur Auto gefahren ist? - stromern wir durch die Altstadt von Ascona. Alle Touristen stromern abends durch die Altstadt. Und sie sitzen alle in denselben kleinen Restaurants. Sicher haben sie, wie wir, den Portier ihres Hotels nach einer netten, typischen Beiz gefragt, und für die Männer mit den goldenen Schlüsseln am Kragen sind immer nur dieselben Adressen empfehlenswert. Also sitzen wir bald im engen Innenhof der Hostaria San Pietro wie im Bus mit einer internationalen Reisegruppe. Weinkarte und -gläser sind erstklassig, die Portionen unnötig groß. Wieder einmal erfahren wir, dass die Köche mit den Steinpilzen, welche man zentnerweise auf den Märkten sieht, nicht umzugehen wissen. Sie liegen in einem bräunlichen Schleim und haben kein Aroma. Eine Schande.

Am nächsten Vormittag erwartet uns eine andere Art von Abenteuer. Ich gehe zum Empfang und erkundige mich, um wie viel Uhr die Dampfer zu einer Seerundfahrt starten. Da schiebt sich aus der Reihe der freundlichen Menschen der freundlichste von allen nach vorn und verwechselt mich mit einem Prominenten. Wir haben ein eigenes Boot, das steht Ihnen in zwanzig Minuten zur Verfügung. Treffpunkt: der Bootssteg des Hotels. Das Boot hat zwei Motoren mit zusammen 900 PS, also ungefähr so viel wie ein Formel-1-Rennwagen. Wir rauschen das Ufer entlang nach Süden und erkennen die Strecke, die wir gestern gefahren sind, nicht wieder. Vom Wasser aus sieht alles viel freundlicher und romantischer aus. Den Häusern sieht man die Zeitschäden nicht an, den Menschen nicht die relative Armut. Nur die Bäume - Nadelbäume vor allem - lassen auch von weitem erkennen, wie schlecht sie die Luftverschmutzung vertragen. Als wir Ronco, den Ort mit der spektakulären Hanglage (den Germanenhügel), passieren, erzählt uns Marco die Geschichten der Hausbesitzer, die hier ihr Vermögen angelegt haben und nicht selten ein schröcklisches Ende fanden (ertrunken, erschossen, betrogen, verarmt). Dann stellt sich heraus, dass an Bord mehrere Picknickkörbe für uns verstaut sind, über die wir uns bei der Isola Bella hermachen. Mir fällt ein Leserbrief ein, in dem sinngemäß stand: In der Zeit, die Sie brauchen, um das Wort >Feinschmeckerei< auszusprechen, verhungern in Afrika drei Menschen. Ich möchte nicht wissen, was in Afrika alles passiert, während deutsche Urlauber am Lago Maggiore ihre Achtzylinder parken.

Die Isola Bella ist den Schmachtfetzen nicht wert, den in meiner Kindheit schon die Dienstmädchen sangen. Zu viel verspielter Barock. Es fehlen nur noch Purzelbaum schlagende Zwerge in Kostümen des 17. Jahrhunderts und der Elefant von Celebes, mindestens.