Amsterdam

Am frühen Morgen des 2. November 2004 steht ein junger Mann wartend neben seinem Fahrrad. Vor wenigen Jahren hat er die Jeans gegen die traditionelle Kleidung des Muslims ausgetauscht und sich einen Bart stehen lassen. Über seiner Schulter hängt eine Tasche mit allem, was er für die Vollbringung seines göttlichen Auftrags benötigt: eine geladene Pistole, mehrere volle Magazine, zwei Messer, ein fünfseitiges Manifest und ein Abschiedsbrief. Alle Zeichen bestärken ihn in der heiligen Notwendigkeit seines Vorhabens: Es sind nicht nur genau 911 Tage seit der Ermordung Pim Fortuyns vergangen - dieser 2. November ist vor allem auch der Tag der Präsidentenwahl in Amerika, und er hat im Fernsehen gesehen, wie auch die Niederlande aufgeregt in den Bann des demokratischen Kampfes zwischen George W. Bush und John F. Kerry gerieten.

Er hat in den vergangenen Jahren alles zu hassen begonnen, wofür das verderbte Amerika steht, und einen ebenso tiefen Hass hat er gegen das Land entwickelt, in dem er als Sohn marokkanischer Eltern zur Welt kam, in dem er zur Schule gegangen ist, eine Ausbildung angefangen und abgebrochen hat und in dem er vor drei Jahren seine Mutter an den Krebs verlor. Für ihn sind die Niederlande dieses Krebsgeschwür, und er wird nun dafür sorgen, dass das ganze Land die US-Wahl vergisst und nur noch von ihm, dem Märtyrer Allahs, und von dem Opfer, das er Allah gebracht hat, sprechen wird.

Sein Hass ist geschärft wie ein Schwert, und er richtet sich auf eine einzige Person, den Mann, auf den er in der Linnaeusstraat im Osten Amsterdams wartet. Dieser Mann ist für ihn kein Mensch, sondern ein unreines Tier, ein ungläubiger Hund, ein promiskuitives, blasphemisches, schimpfendes, rauchendes, saufendes Ungeziefer, das alles, was dem jungen Mann heilig ist, aufs Gröbste gedemütigt und beleidigt hat. Jahrelang sind er, sein Vater, seine Mutter, seine ganze Familie und alle seine Glaubensgenossen von diesem heidnischen Barbaren konsequent als die fünfte Kolonne der Ziegenficker tituliert und als rückständig, mittelalterlich und eine Gefahr für die westliche Gesellschaft abgestempelt worden. Jahrelang hat dieser Sündige keine Gelegenheit ausgelassen, seine schändlichen Äußerungen gegen den Propheten, Allah und den Islam abzufeuern. Vor einigen Monaten hat er der Ungläubigsten aller Ungläubigen, der vom Islam abgefallenen Ayaan Hirsi Ali, als Filmemacher zur Seite gestanden und mit ihr einen Film gedreht, in dem die heiligen Texte aus dem Koran dadurch geschändet wurden, dass man sie einer nackten Muslimin auf die Haut schrieb.

Nichts anderes als Glaubenseuphorie verspürt der junge Mann denn auch, als er den dicken Mann mit dem runden Gesicht kommen sieht, feste in die Pedale tretend, kerzengerade auf dem Sattel, das blonde Haar im kühlen Morgenwind wehend. Er nimmt die Waffe aus seiner Tasche, steigt auf sein Rad und nimmt die Verfolgung auf. Als er, die Pistole im Anschlag, zu seinem verachteten Opfer aufgeschlossen hat, blickt er in die überraschten hellblauen Augen des Tiers, das er schlachten wird, und schießt. Der Mann fällt vom Rad und taumelt, vor seinem Mörder und diesem grausamen Schicksal fliehend und Sicherheit und Schutz suchend, verletzt zur anderen Straßenseite hinüber.

Dort bricht er auf dem Radweg zusammen.